Simon schleppte den Weihnachtsbaum die Stufen nach oben. Ein Zweig schob sich durch das Netz und pikste ihn ins Gesicht. „Warum in drei Teufels Namen hab ich mich von dem Verkäufer bequatschen lassen und diesen Zwei-Meter-Baum gekauft?“ Er stellte die Tanne ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und klingelte. „Marlene wird mich mitsamt diesem Monstrum wegjagen“, murmelte er leise vor sich hin. Gerade als er sich umdrehen, zurück zum Verkaufsstand gehen und den guten Mann zu einem Umtausch überreden wollte, öffnete sich die Tür. „Da bist du ja endlich. Simon?“
„Ja.“ Simon streckte den Kopf vor.
Mit großen Augen betrachtete Marlene dieses Nadelgewächs und runzelte die Stirn. „Hoffentlich reichen meine Glaskugeln.“
„Soll ich einen kleineren holen?“

„Bist du verrückt? So ein Prachtexemplar hat bestimmt nicht jeder.“
Simon atmete hörbar aus. „Danke, dass du mir den Weg ersparst.“
Marlene lachte Simon an. „Komm rein.“
Simon nickte. „Halt mal kurz, damit ich meine Jacke ausziehen kann.“
„Hilfst du uns beim Aufstellen und Schmücken?“
„Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Wo soll der hin?“
Marlene führte Simon in das Wohnzimmer. „Eigentlich sollte er auf das Tischchen neben dem Fenster. Aber ich fürchte, ich muss umdisponieren. Ich hoffe, der ist nicht so breit wie hoch.“
„Keine Angst, er hat schmale Hüften. Die unteren Zweige hab ich entfernen lassen. Angespitzt ist er auch schon.“ Er lehnte den Baum an die Wand.
„Ich habs.“ Marlene zeigte auf das Eckschränkchen. „Das stellen wir in den Flur. Die Couch rücken wir ein Stück nach rechts. Dann müsste genug Platz sein. Im Notfall musst du ihn noch etwas stutzen oder einen Neuen holen.“
Bei den letzten Worten wich alle Farbe aus Simons Gesicht.
„Das war ein Scherz.“
Erleichtert blickte er Marlene an.
Nachdem sie alles hin und her geräumt hatten, steckte Simon den Stamm in den Ständer. „Ziehst du mal die Schrauben an?“
Marlene nickte und ging in die Hocke. Nach mehrmaligem Hin- und Herruckeln stand der Baum wie eine Eins.
„Geschafft.“ Simon entfernte noch das Netz. Die Zweige entfalteten sich und schrammten knapp an der Bodenvase mit den Kieferzweigen vorbei. Ein paar Nadeln rieselten zu Boden.
Dann sah er Marlene grinsend an. „Schade, dass wir nicht unter einem Mistelzweig stehen, dann könnte ich dich jetzt einfach so küssen.“
„Ich brauche dafür keinen.“ Marlene trat ganz nah an Simon heran, und legte ihre Arme um seinen Nacken. Ihre Blicke trafen sich. Beide schienen die Zeit zu vergessen. Simons Herz begann schneller zu schlagen. Er zog Marlene ganz eng an sich und küsste sie. Seine Hände glitten über ihren Rücken.
Ein Räuspern holte sie in die Gegenwart zurück. „Müsst ihr hier rumknutschen, Mama?“
Marlene löste sich nur leicht von Simon. „Müssen müssen wir nicht, aber wir wollen“, erwiderte sie und lehnte sich an Simon.
Jule betrachtete den Baum. „Gabs den auch in groß?“ Sie drehte sich zu Marlene um. „Was ist nun, fangen wir an? Aber wenn du keine Zeit hast, gehe ich halt wieder in mein Zimmer.“
„Freche Göre. Jule, hast du nicht was vergessen?“
„Nö, was denn?“
Marlene schüttelte den Kopf. „Wie wäre es mit einem Hallo?“ Und deutete dabei auf Simon.
„Wenns sein muss. Tag, Simon.“
„Schön dich zu sehen, Jule.“
„Hm. Legen wir nun los?“ Jule klang genervt.
„Holst du schon mal die Kiste mit dem Schmuck? Ich helfe dir gleich. Dieses Kind muss sie immer so abweisend zu dir sein.“ Marlene wollte Jule folgen, doch Simon hielt sie zurück.
„Lass sie. Deine Tochter wird sich noch daran gewöhnen, dass ich nun zu euch gehöre.“
Marlene kuschelte sich in Simons Arme. „Das fühlt sich gut an.“ Sie gab Simon noch einen Kuss, dann wand sie sich aus seinen Armen. „Wenn wir hier noch lange stehen, bekommen wir noch einen Anschiss.“
Jule stellte den Karton auf den Tisch. Sie entnahm die Schachteln, auf denen mit akkurater Schrift Rot, Silber, Gold und bunt stand.

„Welche nehmen wir dieses Jahr, Jule?“
„Ich bin für bunt.“
Simon staunte nicht schlecht, als Marlene den Deckel abnahm. „Du hast ja richtige Schätze. Da fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt.“
„Das sind alles Erbstücke von meiner Oma. Ich war immer so stolz, wenn ich ihr helfen durfte.“
Nach und nach fanden die Schmuckstücke einen Platz am Baum. Engel mit Harfen oder Trompeten hingen neben Zapfen in Rot, Braun und Grün. Die bunten Kugeln, im 2-D-Effekt und mit Glitzer verziert, funkelten um die Wette. Marlene klemmte die elektrischen Kerzen fest und drückte Jule den Stern in die Hand. „Den bringt immer das jüngste Familienmitglied an.“
Jule drehte ihn in den Händen, zögerte kurz. „Oder das Neueste.“ Sie gab ihn Simon. „Steck du ihn an.“
Überrascht griff Simon danach. „Danke.“ Mehr brachte er vor Überraschung nicht heraus, und schob ihn über die Spitze. Dann schaute er Marlene an. Die lachte und nahm Jule in die Arme. „Danke, mein Schatz.“
„Nächstes Jahr mach ich das aber wieder.“
Simon nickte.
Marlene zog die Vorhänge zu. Dann schaltete sie die Beleuchtung ein. Gemeinsam betrachteten sie ihr Werk. Das warme Licht der Lampen ließ den Baumschmuck erstrahlen.
„Ich finde, das haben wir sehr gut gemacht.“ Simon drückte Marlene einen Kuss auf die Wange.
„Und ich denke, dass wir uns eine Stärkung verdient haben. Jule, deckst du den Tisch, bitte?“
„Und was macht ihr?“
„Wir kommen gleich.“ Marlene drehte sich zu Simon. „Ich glaube, sie mag dich auch.“
„Puh, gegen einen Teenie hätte ich keine Chance gehabt.“
„Ach was. Komm mit, ich setze den Kaffee an.“
Simons Herz machte einen Riesensprung. Er war sicher, dass dieses Weihnachtsfest eines der schönsten werden würde.
