Synchronizität im Schreibprozess
Manchmal wählen wir Namen nicht. Sie wählen uns.
Ich habe gerade die Namensbedeutungen meiner Hauptfiguren aus der CALIGO-Reihe recherchiert – Jahre nachdem ich sie benannt habe. Was ich fand, hat mich sprachlos gemacht. Die Namen tragen die gesamte Story-Struktur in sich. Jeden Konflikt. Jede Beziehung. Jeden Archetyp.
Und ich hatte keine Ahnung.
Alfred Bahram – Der Friedensstifter, der das Böse besiegt
Alfred kommt aus dem Altenglischen: Alf (Elf, Naturgeist) + Rad (Rat) = „Rat der Elfen”
Alfred ist der Mann, der die Stimmen der Toten hört. Der zwischen den Welten wandelt. Der Rat von Geistern empfängt. Der Name wusste es.
Bahram ist persisch und bedeutet „Der den bösen Geist besiegt” oder „Sieger über das Böse”. Bahram ist der zoroastrische Kriegsgott. Der Planet Mars. Friedensstifter durch Krieg. Besieger des Bösen durch den Rat der Geister.
Als ich ihn benannte, war er als Engel vorgesehen, da habe ich ihm den Namen Bahram verpasst. Nun, ich brauchte ihn dann doch auf der irdischen Ebene, er brauchte also einen gebräuchlicheren Vornamen. Ich dachte nur: „Alfred klingt gut.” Ich wusste nicht, dass ich die gesamte Heldenreise in sechs Silben kodiert hatte.
Regina Rizzi – Königin Schutzwall
Regina = lateinisch „Königin”. Das wusste ich und das war auch so beabsichtigt. Regina ist die Frau mit Würde, Stärke, innerem Adel. Und doch – in Regina steckt so manches quer, wie wohl in allen von uns.
Rizzi kommt vom italienischen riccio = Igel. Der Igel als Schutzwall: Stachelig nach außen, weich innen. Wehrhaft, aber verletzlich.
Regina Rizzi ist die Frau, die sich schützen muss. Die Mauern hochzieht. Die Alfred nicht nah an sich heranlässt – und ihm gleichzeitig Stille schenkt.
Sie schützt sich. Und sie schützt ihn.
Der Name wusste es.
Lydia von Scheyern – Die Edle mit eigenem Kopf
Lydia = griechisch „Die aus Lydien” (antikes Kleinasien), aber auch „Die Edle” oder „Die Purpurfarbene”. In der Bibel ist Lydia die erste Christin Europas – eine Purpurhändlerin, eine Geschäftsfrau, eine Frau mit Macht.
Von Scheyern = bayerischer Hochadel. Scheyern war der Stammsitz der Wittelsbacher. Alte Macht. Alte Dynastien.
Lydia von Scheyern ist die Frau, die ungeladen kommt. Die nicht um Erlaubnis bittet. Die tut, was sie für richtig hält. Eine Frau von großer Kraft – und eigenem Kopf.
Purpur ist die Königsfarbe. Regina trägt die Krone im Namen. Lydia trägt sie in der Farbe.
Zwei Königinnen. Zwei Arten von Macht.
Ich habe das nicht geplant.
Magnus von Hohenstein – Der Große vom kalten Felsen
Magnus = lateinisch „Der Große”, „Der Mächtige”. Das war natürlich so gedacht.
Hohenstein = Hoch (erhaben, oben) + Stein (hart, unbeweglich, kalt). Der hohe Fels. Der kalte, unerreichbare Stein.
Magnus von Hohenstein: Der Große, der über allem steht. Kalt. Steinern. Ohne Empathie. Der Antagonist, der am Ende des zweiten Bandes seine Armee offenbart.
Alfred ist der Friedensstifter. Magnus ist die Macht, die Frieden unmöglich macht.
Der Name wusste es.
Kardinal Ngomo – Der Leopard im Schatten der Kirche
Ngomo stammt aus dem Bantu-Sprachraum (Kamerun, Gabun, Kongo-Region) und bedeutet wahrscheinlich „Leopard” oder „Trommel”, „Donnertrommel”.
Der Leopard: Apex-Raubtier. Lauert im Schatten. Schlägt aus dem Verborgenen zu.
Die Trommel: Ruft zusammen. Verkündet. Die Stimme der Macht.
Kardinal = höchster Kirchenrang nach dem Papst. Wählt den Papst. Trägt das Purpur (wie Lydia – wieder die Königsfarbe).
Kardinal Ngomo ist das Oberhaupt der Umbrae. Der Chef von Hohenstein. Die Macht hinter der Macht. Der Leopard in der Kardinalsrobe. Der Schatten-Papst.
Ich wusste nicht, dass „Ngomo” „Leopard” bedeutet. Ich wusste nicht, dass ich den perfekten Namen für den heimlichen Herrscher der Schatten gefunden hatte. Aber der Name wusste es.
Die Hierarchie der Namen
Wenn man die Bedeutungen nebeneinanderlegt, wird die Machtstruktur der Story sichtbar:
Ngomo (Leopard, Apex-Raubtier, Schatten-Papst)
↓
Hohenstein (Der kalte Fels, der Große)
↓
Umbrae-Armee
Gegen:
Alfred Bahram (Friedensstifter, Besieger des Bösen)
Regina Rizzi (Königin Schutzwall)
Lydia von Scheyern (Die Edle mit eigenem Kopf)
Die Namen erzählen die Geschichte. Macht gegen Macht. Kälte gegen Wärme. Stein gegen Schutzwall. Leopard gegen Friedensstifter.
Was bedeutet das für uns als Autoren?
Ich glaube, dass wir mehr wissen, als wir denken. Wenn wir einen Namen wählen, wählen wir nicht nur einen Klang. Wir wählen einen Archetyp. Eine Schwingung. Eine verborgene Bedeutung, die unser Unbewusstes längst kennt.
Ich habe meine Figuren nicht nach Namensbedeutungen benannt. Ich habe sie benannt, weil die Namen sich richtig anfühlten. Weil „Alfred Bahram” nach einem Mann klang, der zwischen den Welten wandelt. Weil „Regina Rizzi” nach einer Frau klang, die sich schützen muss. Weil „Kardinal Ngomo” nach Macht im Schatten klang.
Und als ich die Bedeutungen recherchierte, stellte ich fest: Mein Unbewusstes wusste die ganze Zeit Bescheid.
Die Namen wussten es schon.
