17. Mai 2026
Kette - Illustration - Mut zur Verletzlichkeit - Sabine Veit

Der Mut zur Verletzlichkeit

Ich habe gerade wieder das wundervolle Gedicht Zu leise von Dagmar gelesen. Was macht Verletzlichkeit beim Schreiben aus – und warum trifft ein Gedicht manchmal tiefer als ein ganzer Roman?

Es gibt Autoren die alles richtig machen:

  • die Struktur stimmt
  • die Dialoge funktionieren
  • die Handlung ist logisch

Und trotzdem passiert beim Lesen – nichts.

Und dann gibt es einen Satz wie diesen:

Kann deine Stimme nicht mehr hören.
Die Stille ist zu laut.

Keine ausgefeilte Technik. Keine dramatische Handlung. Nur ein Mensch der aufschreibt, was er wirklich fühlt. Und plötzlich trifft es bis ins Mark.

Der Unterschied ist nicht Talent. Nicht Fleiß.

Es ist Mut.

Warum gute Geschichten nicht im Kopf entstehen

Mut zur Verletzlichkeit bedeutet nicht, sein Innerstes schutzlos preiszugeben. Es bedeutet, sich zu erlauben die Wahrheit zu schreiben – auch wenn sie wehtut. Auch wenn man nicht weiß ob jemand sie versteht. Auch wenn man sich dabei seltsam vorkommt.

Wer mit dem Kopf schreibt, fragt: Was erwartet der Leser? Was funktioniert? Was habe ich schon gelesen?

Wer mit dem Bauch schreibt, fragt: Was ist wahr? Was trifft? Die nächste Frage ist die schwierigere. Und die einzige die zählt.

Brené Brown hat das in ihrem weltbekannten TED Talk auf den Punkt gebracht: Verletzlichkeit ist keine Schwäche – sie ist die Voraussetzung für Kreativität.

Niemand bringt einem das bei. Nicht in der Schule, nicht im Schreibkurs, nicht in der Familie.

Den Mut zur Verletzlichkeit beim Schreiben muss jeder für sich selbst entdecken – meist erst dann, wenn eine Szene so nah kommt, dass man sie fast wieder löscht.

Was trau ich mich kaum aufzuschreiben?

Technik kann man lernen. Struktur kann man üben. Aber die Bereitschaft sich zu zeigen – die muss man sich selbst erlauben. Immer wieder neu. Bei jedem Satz.

Diana Gabaldon hat einmal gesagt, sie habe Jamie Fraser erfunden, weil sie eine Figur wollte, die keine Angst vor ihren eigenen Gefühlen hat. Kein Zufall, dass er einer der meistgeliebten Romancharaktere der Literaturgeschichte wurde. Nicht wegen seiner Stärke – wegen seiner Verletzlichkeit. Sie hat nie eine Schreibausbildung gemacht. Niemand hat sie glattgebügelt. Und genau das macht ihre Figuren so real – sie traut der Verletzlichkeit mehr als der Erwartung des Lesers.

Das ist Verletzlichkeit durch Präzision. Nicht durch große Gesten, sondern durch das kleine Detail das alles verrät.

Wie ich das umsetze

In meinem eigenen Roman CALIGO (aktuell ist Band 2 in der Mache) steht Regina allein auf einem zugefrorenen See. Sie soll einen Stein berühren, der Schmerz verspricht. Sie weigert sich. Und dann tut sie es doch – und lässt den Schmerz einfach da sein, schaut ihn an. Wilfried auf dem Stuhl. Alfred der sich abwendet. Der Vater der starb, während sie nichts tat.

Ich hätte diese Szene fast nicht geschrieben. Warum? Es sind nur erfundene Geschichten über erfundene Personen. Der innere Kritiker meldete sich lautstark: zu nah, zu persönlich, zu viel. Verletzlichkeit beim Schreiben bedeutet, genau diesen Moment trotzdem zu wagen.

Aber es sind nicht die Geschichten, die man kennt. Es sind nicht die Personen, die man kennt. Es sind diese Gefühle, die man kennt. Als Autor ebenso wie als Leser.

Das ist das Geheimnis hinter den Geschichten, die bleiben. Nicht Perfektion. Sondern Ehrlichkeit.

Was hält uns zurück?

Der innere Kritiker. Er sitzt beim Schreiben auf der Schulter und flüstert: Das ist zu persönlich. Das versteht niemand. Das klingt melodramatisch. Schreib lieber, was funktioniert.

Das Problem: Was “funktioniert”, haben wir schon tausendmal gelesen. Was uns trifft, haben wir noch nicht.

Verletzlichkeit beim Schreiben ist kein Stilmittel das man einsetzt. Es ist eine Entscheidung die man immer wieder neu treffen muss. Bei jeder Szene. Bei jedem Satz der zu nah kommt.

Und manchmal ist genau der Satz, den man fast gestrichen hätte, der einzige, der bleibt.

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