Leseprobe: Wal-Ther

»Hab ich jetzt genug geschlafen?«
Mama seufzte. »Dann geh schon, ab mit dir.«
Wal-Ther eilte los und suchte die Schule nach Wal-Lace ab.

Er fand ihn dösend vor. »Wer sind die Sänger?«, plärrte er ihm ins Ohr.
Wal-Lace zuckte zutiefst erschrocken zusammen und blinzelte Wal-Ther an. »So what?« Es dauerte einen Moment, bis er realisierte, was los war. »Oh, de Sänger, was? Nun, de bist eigentlich noch ze klein, little boy, für solche Wahrheiten.«
»Onkel Wal-Lace, ich kriege das sowieso raus.«
»Denkste, ja? De Sänger … mmmm« Er schüttelte den Kopf. »It’s no good, warte noch, bisde größer bist.«
»Onkel, bitte, wieso singen sie? Und wie geht das? Du musst es mir sagen.«
Wal-Lace wiegte bedächtig den Kopf und überlegte. »Okay. Ich werde de zeigen. Komm!«Ein gewaltiger Schlag mit der Fluke trieb ihn fast außer Sichtweite. Walter hatte Mühe, ihm zu folgen.
Er schloss auf und entließ stolz ein paar Blasen. »Den Weg kenne ich noch. Hier geht es zu den Korallenriffen. Dort habe ich schon alles gesehen, Onkel.«


»Nein, haste nich.« Wal-Lace’ Worte klangen ungewohnt verdrießlich.
Wal-Ther folgte ihm schweigend. Wal-Lace zog an den Riffen vorbei, weiter und immer weiter.
»Wo wollen wir denn hin?«, nörgelte Wal-Ther.
Wal-Lace antwortete nicht. Endlich hielt er an. »Nun sieh dich um.«
»Was denn?« Wal-Ther konnte nichts entdecken. »Sind hier die Sänger? Ich sehe sie nicht.«
»Sag mir, was de siehst.« So ernst hatte Wal-Ther seinen Onkel noch nie gesehen. Aufmerksam betrachtete er seine Umgebung. Sie waren noch näher an die Küste herangekommen, Wal-Ther musste aufpassen, dass er nicht steckenblieb. Das Tageslicht reichte bis zum Grund, das Wasser war ungewohnt warm. Der Untergrund sah aus wie an den Korallenbänken, aber die Korallen hatten keine Farbe. Eintönig weiß, beige und braun standen sie da, nichts bewegte sich. Keine Fische suchten darin Schutz, keine Schwärme zogen darüber hinweg. Wal-Thers Blick ging in die Ferne. Das tote Beige-Weiß setzte sich fort, soweit er blicken konnte.
»Keine Korallen? Was ist denn passiert?«


»Das waren de Sänger.«
Der Schock saß tief. »Wer sind sie denn? Warum haben sie das getan?« Wal-Thers Stimme war nur noch ein Wimmern.
»Komm mit. Ich mache dich mit de Haie bekannt.«
»Die Haie?« Wal-Thers Stimme wurde immer unsicherer.
»Komm.« Ein Schlag mit der Fluke, und Wal-Lace bewegte sich wieder in tieferes Wasser. Wal-Ther folgte ihm schweigend.
Sie zogen lange Zeit dahin, Wal-Ther kannte diese Gefilde nicht. Es wurde dunkler und grauer und wäre Wal-Lace nicht bei ihm gewesen, hätte er sich gefürchtet.


»Schau.«
Wal-Ther starrte angestrengt in die Tiefen des Meeres. Er wusste nicht genau, wonach er suchen sollte, bis er ihn entdeckte. Er sah aus wie ein Wal, kleiner als Mama, größer als Wal-Ther. Seine Fluke stand senkrecht statt waagerecht! Wal-Ther staunte. Und er grinste unablässig, als sei sein Gesicht in dieser Grimasse festgefroren. »Das ist der Hai? Was hat er denn da im Maul?«
»Das sind Zähne, so etwas kennst de nich.«
Er starrte den Hai an, der grinsend seine Runden drehte, unvermittelt auf einen unachtsamen Fisch zuschoss und seine Zähne darin vergrub. Zornig schüttelte er seine Beute, bis der Leib des Fisches sich löste und zu Boden sank. Blutschwaden waberten durch das Wasser. Der Hai wollte sich die restliche Beute schnappen, als ein zweiter Hai aus dem Dunkel hervorschoss und den Leckerbissen verschluckte.
Wal-Ther wurde heiß und kalt zugleich. »Sind das die Sänger?«, flüsterte er.
»Ne. Das sind de Haie, se beschützen uns vor de Sänger.«
In Wal-Thers Stimme mischte sich Panik. »Ich verstehe das nicht.«


Die Haie näherten sich den beiden Walen, den Kopf hochgereckt. Dem einen hing noch der Schwanz seiner Beute in den Zähnen. »Seid gegrüßt.« Sein Blick fiel auf Wal-Lace. »Ich kenne dich.« Er wandte sich Wal-Ther zu. »Aber der kleine Mann war noch nicht hier.« Alles, was Wal-Ther sah, war eine Reihe von sehr weißen, sehr spitzen Zähnen, mit dem Schwanzstück, das noch dazwischen baumelte. Er schlotterte vor Angst. »Ich bin Wal-Ther«, wisperte er.
»Er will unbedingt wissen, wer die Sänger sind«, brummelte Wal-Lace. Das Wort Sänger sprach er ganz leise aus, als würde er riskieren, sie damit herbeizurufen.
»Die Sänger, ja.« Der Hai hatte kein Problem damit, das Wort laut auszusprechen, machte ein paarmal das Maul auf und zu und ließ seine Zähne blitzen. Endlich war auch das Schwanzstück verschwunden. »Ich bin Mater Hai-ke. Komm mit, ich zeige dir etwas.« Er wandte sich um und schwamm los, ohne darauf zu achten, ob die anderen ihm folgten.
Elegant und pfeilschnell zog er durch das Wasser. Wal-Ther fiel auf, dass sich der Hai-Körper nicht auf und ab bewegte, sondern sich seitlich wand wie eine riesige Seeschlange. Der andere Hai tauchte neben ihm auf. »Ich bin auch ein Hai.«
»Ja, dachte ich mir schon.«
»Mein Name ist Mater Hai-Drun.«
»Habt ihr alle den gleichen Vornamen?«
»Mater ist ein Titel. Es bedeutet soviel wie Ehrwürdige Mutter.«
Wal-Ther seufzte. »So viele Mütter. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.«


Sie hatten Mühe, Hai-Ke zu folgen. Immer weiter ging es hinein in die Dunkelheit des Meeres, tiefer und tiefer, kälter und kälter. Verwundert spürte er, wie das Wasser wieder wärmer wurde. Wal-Ther überlegte, ob er nicht lieber umkehren sollte, als Hai-Ke endlich langsamer wurde. Sie schwamm einen Kreis und deutete auf ein Objekt unter ihm. »Hier ist es.«
»Die Sänger?« Wal-Thers Stimme zitterte.
»Nein, du Dummkopf. Der Zahn!«
Wal-Ther blinzelte verwirrt. »Was denn für ein Zahn? Habt ihr einen verloren?«
Hai-Ke öffnete das Maul und schoss nach vorne, so schnell, dass Wal-Ther gar nicht reagieren konnte. Er sah in Hai-Kes Rachen, ein Kreis von scharfen Zähnen und einen dunklen Schlund, der im Nirgendwo endete. Mit einem scharfen Geräusch schnappte das Gebiss zusammen. Hai-Kes Grinsen wirkte hämisch. »Sprich nie wieder ohne Respekt vom Heiligtum, sonst machst du früher Bekanntschaft mit der Göttin, als dir lieb ist.«
Wal-Ther bebte am ganzen Leib. Mit aufgerissenen Augen näherte er sich. Es wurde immer heißer. Unter sich am Boden konnte er einen Fels erkennen, der spitz und kegelförmig in die Höhe ragte. Das sah tatsächlich aus wie ein riesiger Zahn. Aus seinem Inneren quoll schwarzer Rauch, der eine lange, schräg nach oben verlaufende Fahne erzeugte und einen metallischen Geschmack verbreitete.
»Verneige dich vor der großen Göttin, die diese Welt erschaffen hat«, brüllte Hai-Ke.


Wal-Ther hob die Fluke und neigte gehorsam den Kopf. Um seiner Haltung Nachdruck zu verleihen, blies er sogar ein paar Luftblasen ab. Trotz aller Angst musste er eine Frage loswerden. »Wo ist sie denn, die Göttin?«, flüsterte er.
Er erwartete einen erneuten Angriff, doch Hai-Ke war wieder die Ruhe selbst. »Sie herrscht im Ewigen Ozean, aus dem wir alle stammen und in den wir alle zurückkehren werden.«
Wal-Ther wurde unruhig. »Wal-Lace, ich muss nach oben.« Ohne ein weiteres Wort schlug er mit der Fluke und beeilte sich, diesen Ort zu verlassen.

Wal-Ther japste nach Luft, als er an der Oberfläche ankam. Der Blas sprudelte mit wenig Freude nach oben, er konnte nicht genießen, wie die Tropfen über seinen Rücken perlten. »Müssen die Haie nicht atmen?«
Neben ihm tauchte Wal-Lace aus dem Wasser. »Ne. Se sind de Lieblinge von de Göttin, se versorgt se mit Luft.«
»Die Haie sind grauenhaft!«
»De musst große Respekt haben vor de Diener von de Göttin.«
»Und wer sind die Sänger? Das weiß ich immer noch nicht.«
Wal-Lace seufzte. »Ich weiß es nikt. Frag de Haie. Se haben schon so manche von denen getötet.«
»Hast du den Gesang gehört? Er ist wunderschön. Warum sollte die Göttin das nicht wollen?«
»Man sagt, dass Mannanai zürnt, wenn sie de Gesang hört. Se hat de Korallen vernichtet. De Haie töten de Sänger, um unsere Welt zu bewahren. Se leisten Großes für de Walheit. Lass uns zurückkehren.«

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