10. Dezember 2025

Christine de Pizan – Die Frau, die sich nicht beugte

Manchmal stolpert man über historische Figuren, die einem so vertraut vorkommen, als hätte man sie persönlich gekannt. Christine de Pizan ist so eine Frau. Geboren 1364 in Venedig, gestorben nach 1430 in Poissy – ausgerechnet in der Partnerstadt meiner Heimat Pirmasens. Als ich das las, musste ich schmunzeln. Kämpferische, selbstbestimmte Frauen scheinen eine Verbindung zwischen Poissy und der Pfalz herzustellen.

Vom Hof in die Existenzkrise

Christine hatte einen Start ins Leben, von dem viele träumen. Ihr Vater, Tommaso da Pizzano, war Arzt und Astrologe, lehrte an der Universität Bologna und wurde 1368 Leibarzt von König Karl V. von Frankreich. Christine wuchs also ab ihrem vierten Lebensjahr am Pariser Hof auf, in einem privilegierten Umfeld mit Zugang zur königlichen Bibliothek – einer der größten Bibliotheken Europas. Mit fünfzehn heiratete sie den königlichen Sekretär Étienne du Castel, bekam drei Kinder. Das Leben lief nach Plan.

Dann kam der freie Fall.

Zwischen 1380 und 1389 starben nacheinander König Karl V., ihr Vater und ihr Mann. Christine war mit Mitte Zwanzig Witwe, hatte drei Kinder zu versorgen, dazu ihre Mutter und weitere Verwandte. Keine finanziellen Rücklagen, keine männliche Absicherung mehr. Die Gesellschaft hatte eine klare Erwartung: schnell wieder heiraten, sich einen neuen Versorger suchen, die Kinder unter die Haube bringen.

Christine sagte: Nein.

Die symbolische Verwandlung

Was sie stattdessen tat, beschreiben die Quellen als “symbolische Verwandlung von einer Frau in einen Mann”. Sie beschloss, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Und hier zahlte sich aus, was ihr Vater ihr mitgegeben hatte: Sie konnte schreiben, und zwar gut genug, um damit Geld zu verdienen. Zunächst arbeitete sie wohl als Kopistin – ein Beruf, der Frauen normalerweise verschlossen war. Sie bildete sich weiter als Autodidaktin, verschlang die Werke alter und zeitgenössischer Autoren in Französisch und Latein. Und sie begann, eigene Texte zu schreiben. 1399 überreichte sie der Königin Isabeau de Bavière ihre erste Gedichtsammlung.

Damit wurde sie Frankreichs erste Berufsschriftstellerin. Nicht Hobbydichterin. Nicht Gelegenheitsautorin. Berufsschriftstellerin. Eine Frau, die von ihrer Feder lebte.

Sie knüpfte geschickt ein Netzwerk aus Gönnerinnen und Mäzenen, schrieb nicht nur über “Frauenthemen”, sondern auch politische Werke, eine Biografie über Karl V., sogar einen Leitfaden für junge Ritter – zum ersten Mal beschrieb eine Frau, wie Männer sich tugendhaft und klug verhalten sollten. Im Jahr 1405 war sie in den Kreisen des europäischen Hochadels ein Star.

Keine Kompromisse

Was mich an Christine fasziniert, ist diese absolute Kompromisslosigkeit. Sie hätte den bequemeren Weg gehen können. Hätte sich wiederverheiraten, sich fügen, sich arrangieren können. Stattdessen entschied sie sich für den härtesten Weg: den eigenen. Sie jammerte nicht, sie handelte. Sie wartete nicht auf Rettung, sie rettete sich selbst.

Das erinnert mich an das, was ich hier im Forum immer wieder sage: Authentische Selbstfindung kommt nicht durch Selbstmitleid oder durch das Warten auf ideale Bedingungen. Sie kommt durch Handeln. Durch das Tun dessen, was getan werden muss, auch wenn es unbequem ist. Durch das Schreiben dessen, was geschrieben werden muss, auch wenn es wehtut.

Christine hatte keine Wahl, sagen manche. Doch. Sie hatte eine Wahl. Sie hätte aufgeben können. Sie hätte sich kleinmachen können. Sie hätte schweigen können. Sie entschied sich dagegen.

Die Stimme erheben

1400 trat Christine mit etwas an die Öffentlichkeit, das man heute vielleicht “shitstorm auslösen” nennen würde: Sie entfachte eine öffentliche Debatte über den “Rosenroman” von Jean de Meun, ein damals populäres Werk, das nur so von Frauenfeindlichkeit strotzte. Christine widersprach. Öffentlich. Laut. Und sie ließ sich nicht zum Schweigen bringen.

1404/05 schrieb sie ihr berühmtestes Werk: “Das Buch von der Stadt der Frauen”. Eine literarische Festung gegen den Frauenhass ihrer Zeit. Eine Utopie, in der Gerechtigkeit, Rechtmäßigkeit und Vernunft herrschen. Ein Bollwerk aus Geschichten beispielhafter Frauen gegen die “gehässigen, falschen und bösartigen Behauptungen” der Männer über das weibliche Geschlecht.

Sie forderte Zugang zu Bildung für Frauen. Sie setzte die “parole féminine”, die weibliche Rede, öffentlich ein. Revolutionäre Gedanken für das 15. Jahrhundert.

Die letzte Überraschung

1429, Christine war inzwischen mindestens 65 Jahre alt, schrieb sie ihr letztes Werk: Ein Gedicht über Jeanne d’Arc. Die Kriegerin aus Orléans hatte gerade Christines eigene Überzeugung widerlegt, dass Gott den Geschlechtern unterschiedliche Aufgaben zugeteilt habe. In ihrem “Buch von der Stadt der Frauen” hatte Christine noch geschrieben, dass Männer die seien, die mit Waffen kämpften, während Frauen das nicht bewerkstelligen könnten.

Jeanne d’Arc bewies das Gegenteil.

Und Christine? Christine war groß genug, ihre Meinung zu ändern. Mit 65. Nach einem Leben als erfolgreiche Schriftstellerin. Sie schrieb über die französische Amazone mit einem Stolz, den man zwischen den Zeilen spürt: Seht her, auch das können wir.

Poissy und Pirmasens

Christine starb nach 1430, vermutlich in Poissy. In der Partnerstadt meiner Heimatstadt Pirmasens fand diese außergewöhnliche Frau ihre letzte Ruhe. Eine Frau, die sich nicht beugte, die ihren eigenen Weg ging, die schrieb, was geschrieben werden musste – egal, was die männlichen Kollegen davon hielten.

Diese Haltung – kompromisslos authentisch, ohne Selbstmitleid, durch Handeln statt durch Jammern – das ist es, wofür auch die Pfälzer Sauklaue steht.

Ihr Vermächtnis: Mehrere hundert Gedichte und Balladen, 15 Bücher, politische, philosophische, historische und religiöse Schriften. Und die Gewissheit, dass Frauen schreiben können, denken können, sich durchsetzen können – wenn sie nur den Mut haben, es zu tun.

Christine de Pizan hat es getan. Vor 600 Jahren. Ohne Internet, ohne Frauenbewegung, ohne Support-Gruppen. Mit nichts als ihrer Feder, ihrem Verstand und ihrem unbeugsamen Willen.

Was ist deine Ausrede?


Im nächsten Beitrag stelle ich mir die Frage: Wie würde Christine de Pizan ihr “Buch von der Stadt der Frauen” heute schreiben? Und sollte vielleicht ich es tun?

Wie bewerten Sie den Beitrag?

Klicken Sie auf einen Stern zum Bewerten!

0 Bewertungen, im Schnitt 0 Sterne

Bisher keine Bewertungen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert