Wal-Thers Gesang

Tauchen Sie ein in die Welt eines kleinen Buckelwals, der sich nichts sehnlicher wünscht als zu singen

Stimmen von ersten Testlesern

Wenn ich dieses Buch lese, dann lese ich nicht über einen Wal –
ich bin ein Wal!

Ich freue mich immer, wenn ein neues Kapitel kommt, weil ich dann wieder abtauchen kann.

Das wird ein wundervolles Buch und sag Bescheid, wenn du es veröffentlichtst.

Der Beginn liest sich  schön philosophisch, bildgewaltig (das kannst du eh sehr gut) und leise.

Was für eine Idee, ein Wal-Buch zu schreiben. Deine Sprache gefällt mir sehr gut, ich habe mich im Wasser direkt zu Hause gefühlt.

Ich mag den Wortwitz.

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Leseprobe

Es brauste und dröhnte, gluckerte und brummte. Seine Seele kannte diese Töne seit dem Anbeginn der Zeit und saugte sie in sich auf, als ob sie ihm Nahrung böten.

Alles andere erschien ihm fremd. Helle Lichtstrahlen durchschnitten das Wasser. Farben leuchteten. Die Strömung zerrte an seinem Körper. Er ruderte, doch die Flossen boten dem Wasser kaum Widerstand. Ein riesiger Körper sank neben ihn, blickte ihm tief in die Augen und berührte ihn sachte mit der Flosse. Mama! Luftblasen perlten über seine Haut und blubberten nach oben weg. Ihr Kopf schob sich unter seinen Körper und hob ihn der schillernden Fläche über ihm entgegen. Es wurde heller, wärmer, die wunderbaren Töne wurden dumpfer. Er wollte wieder abtauchen, doch seine Mama schob ihn immer weiter nach oben.

Die Grenze traf ihn wie ein Schlag. Gleißendes Licht stach ihm in die Augen. Seine Haut fühlte sich komisch an, kälter und wärmer zugleich. Hartes Rauschen und Kreischen hämmerten auf seine Ohren ein und verloren sich dünn und flatterhaft in der Unendlichkeit. Wal‑Ther presste den Leib zusammen, blies aus und weitete die Brust. Luft strömte in seine Lungen. Eine Fontäne rieselte über seinen Rücken und kitzelte ihn. Zum ersten Mal kicherte er.

»Willkommen im Leben, Wal‑Ther.« Mama stupste ihn an und tauchte ab.

Er folgte ihr erfrischt. Hier unterhalb der Grenze fühlte er sich deutlich wohler. Interessiert begutachtete er die Furchen, die sich an ihrem Bauch entlang bis zum Kinn zogen. Er suchte, ohne zu wissen wonach. Eine Bauchfalte. Er stieß sie an und schluckte den warmen, fetten Strahl, der ihm entgegen schoss, bis sein Bauch zum Bersten prall war.

Mama zog sich zurück. »Ich weiß, deine Fluke ist noch weich. Aber wir müssen weg von hier.«

»Fluke?«

»Dein Schwanz, mein Süßer. Schau! Mach es so wie ich.« Sie peitschte den breiten Schwanz in einer kraftvollen Bewegung nach oben und unten und glitt durch das Wasser.

Wal‑Ther versuchte das gleiche, aber er trudelte eher. Trotzdem mühte er sich, mit ihr mitzuhalten. »Wohin wollen wir?« Er wartete vergeblich auf eine Erwiderung, ergab sich in sein Schicksal und folgte ihr in einigem Abstand.

Nach und nach fiel ihm das Schwimmen leichter. Bei aller Eile nahm er sich die Zeit, seine neue Welt zu betrachten. Sie funkelte und schillerte in Grün und Gelb und Braun. Mama blieb immer im gleichen Abstand zu der schillernden Grenze über ihm, doch der Boden unter ihm kam näher, je länger er ihr folgte. Das Rauschen wurde lauter, die Strömung änderte sich. Statt in einer Richtung zu verlaufen, schob und zog sie abwechselnd.

Massiver heller Fels wechselte sich mit weichem Sand ab. Immer mehr Pflanzen wogten in den Wellen. Silbrig glänzende Schwärme teilten sich vor ihnen, um sich danach wieder zu vereinen.

Er lauschte all den wundervollen Geräuschen. Die Fische knatterten und klackerten und grunzten. Das Wasser rauschte und brauste. Luftblasen gluckerten.

Die Strömung trug einen anderen Ton zu ihm. Er verlangsamte seine Bewegungen und ruderte, um sich an Ort und Stelle zu halten. Er musste einfach zuhören. Rasch entfernte sich seine Mutter aus seinem Sichtfeld. Er wollte ihr folgen, doch er konnte einfach nicht. Es klang anders als all die Geräusche, die er kannte. Ein tiefes Brummen, das seinen Körper zum Vibrieren brachte. Ein hohes, sehnsuchtsvolles Quietschen und Weinen, das ihn in tiefster Seele berührte. Eine Melodie, die sich wiederholte. Wieder und wieder.

Unvermittelt tauchte Mama auf und hieb ihm den Kopf in die Flanke. »Du musst immer in meiner Nähe bleiben.«

»Hörst du das nicht? Jemand ruft mich.«

»Achte nicht darauf. Wir müssen weiter.« Mamas Stimme klang gepresst. Sie wandte sich um und setzte ihren Weg fort.

Er konzentrierte sich, kniff die Augen zu und presste den Leib zusammen. Der Druck in seinem Kopf stieg. Die Luft kroch in die Nase, es kitzelte und Wal‑Ther entfuhr ein langer, kläglicher Ton. Erschrocken brach er ab, um eine Sekunde später voller Stolz den Kopf zu heben.

Die Autorin

Sabine Veit wurde 1962 geboren und ist Diplomingenieurin für Umweltschutz. Erst vor wenigen Jahren hat sie ihre Leidenschaft für das Schreiben außergewöhnlicher fantastischer Geschichten entdeckt. Als Coautorin und Lektorin hat sie an der Entstehung des Romans Aschmunadai von Michael Mende mitgewirkt und arbeitet seitdem produktiv mit ihm zusammen.
Seit 2019 betreiben sie gemeinsam das Autorenforum pfaelzer-sauklaue.de, in dem die Romane entstehen. Wal-Thers Gesang wird der erste eigene Roman.
Als Gemeinschaftswerke sind Der Flug der Hexe und Codename Erdmännchen in Vorbereitung.
Die Romane passen thematisch in die Kategorie Fantasy für Jugendliche, doch sie werden regelmäßig mit großer Begeisterung auch von Erwachsenen gelesen.

Ein Buch der