Über Hildegard von Bingen, erfundene Sprachen und die Frage, was ein Zauberwort eigentlich leisten muss
Irgendwann im 12. Jahrhundert saß eine Benediktinerin im Kloster Rupertsberg bei Bingen und erfand eine Sprache. Nicht weil es ihr befohlen wurde. Nicht weil sie es musste. Sie tat es einfach. Über tausend Wörter, ein eigenes Alphabet, eine Grammatik, und bis heute weiß niemand genau warum.
Ich finde das tröstlich. Denn ich mache das bei Mystery Romanen auch. Sogar bei Gegenwartsliteratur, wenn mir ein passendes Wort dazu fehlt.
Die Frau, die Gott eine neue Sprache gab
Hildegard von Bingen (1098–1179) ist die Frau, die man kennt: Mystikerin, Komponistin, Naturheilkundige, Kirchenlehrerin. Was weniger bekannt ist: Sie hat auch eine vollständige Kunstsprache entwickelt — die Lingua Ignota, die unbekannte Sprache. Eigenes Vokabular, eigenes Schriftsystem, überliefert in Handschriften aus dem 13. Jahrhundert. Was sie damit bezweckte? Keine Erklärung hat sie hinterlassen. Geheimsprache für die Schwestern? Mystisches Werkzeug? Ein Projekt der reinen Schöpfung, das seinen Zweck in sich selbst hatte? Wir wissen es nicht.
Was wir wissen: Ihre Wörter folgen einer Hierarchie. Gott, Engel, Menschen — dann Tiere, Pflanzen, Krankheiten. Als hätte sie eine Ordnung der Welt in Sprache gegossen. Und noch etwas: Es gibt keine Verben. Nur Substantive. Eine Sprache, die benennt, aber nicht handelt.
Zwei Strategien
Hildegards Wörter sind opak. Aigonz heißt Mensch, Aieganz heißt Engel. Da erschließt sich nichts. Man muss es lernen oder nachschlagen. Die Wörter sind Behälter ohne sichtbaren Inhalt, und genau das ist ihre Wirkung: Sie schaffen Fremdheit, Distanz, das Gefühl einer Welt, die sich nicht sofort öffnet.
Wir machen das anders. In Fantasy und Mystery – und ich spreche hier aus eigener Erfahrung – neigen wir zu resonanten Wörtern. Wörter, die klingen wie das, was sie bedeuten. Oder zumindest wie die Welt, in die sie gehören.
Involara zum Beispiel aus Caligo. In-volare — hineinfliegen, hineinstürzen. Lateinisch, aber intuitiv lesbar auch ohne Vorkenntnisse. Der Klang trägt die Bedeutung fast von selbst. Der Leser muss es nicht nachschlagen — er glaubt es sofort.
Was ein Zauberspruch leisten muss
Ich habe manche meiner Zaubersprüche in Latein geschrieben. Eine Leserin hat sie übersetzt und war begeistert, weil sie ergaben, was sie ergeben sollten. Das ist kein Etikettenschwindel, das ist Handwerk: Die zweite Tür, die nur manche Leser öffnen. Wer drüberliest, erlebt den Klang. Wer gräbt, findet, dass die Welt auch dort noch hält.
“Revertere ad tenebras! Revertere!”
Kehre zurück in die Dunkelheit. Hart, drängend, die Wiederholung macht es zum Befehl. Latein als Kraft, als Grenze, als Schlag.
Lumen Lucis. ›O lux aeterna, dona nobis lucem. Fiat lux in tenebris, ut videamus veritatem.‹
Licht des Lichts. Eine Bitte, keine Waffe. Latein als Resonanzraum, als Tiefe, als Erbe.
Zwei Sprüche, zwei völlig verschiedene Funktionen. Nicht weil die Szenen es zufällig so ergaben — sondern weil das Wort selbst schon entscheidet, was es tut.
Und noch etwas fällt auf: Revertere zweimal. Das ist keine Schwäche, das ist Beschwörungslogik. Wiederholung als Verstärker. Hildegard hat das in ihrer Musik auch gewusst, Melodien, die sich wiederholen, bis sie sich ins Gedächtnis brennen.
Wenn ihr vergeblich nach einem Wort sucht, das genau das Bild in eurem Kopf beschreibt, dann traut euch, eines zu erfinden. Eines, das mir gerade einfällt, ist: der Ich-habe-es-schon-immer-gewusst-Blick
