10. Dezember 2025

Margaret Atwood und das Vergrößerungsglas

Wer bei Amazon nach Margaret Atwoods „Der Report der Magd” sucht, findet das Buch unter „Klassische Literatur”. Nicht bei Science Fiction, nicht bei Dystopien – obwohl es beides ist. „Klassische Literatur” ist die Verlegenheitskategorie für Bücher, die zu literarisch für Genre sind und zu genrehaft für die reine Belletristik. Es ist die Kapitulation eines Systems, das Schubladen braucht, aber mit den besten Büchern nicht zurechtkommt.

Denn die interessantesten Werke entstehen genau dort, wo Genres verschwimmen. Wo gesellschaftliche Analyse auf spekulative Elemente trifft. Wo literarische Qualität nicht trotz, sondern durch Genre-Mittel erreicht wird. Margaret Atwood hat vorgemacht, wie das geht – und ihr Erbe prägt bis heute, wie wir über literarisches Genre-Writing denken.

Atwoods Methode: Extrapolation statt Erfindung

Atwood selbst wehrt sich seit Jahrzehnten gegen die Bezeichnung „Science Fiction” für ihre Arbeit. Sie spricht lieber von „speculative fiction” – und dieser Unterschied ist ihr wichtig. Science Fiction, so ihre Argumentation, arbeitet mit Technologien und Entwicklungen, die es noch nicht gibt. Ihre Dystopien dagegen basieren ausschließlich auf Dingen, die bereits irgendwo, irgendwann passiert sind.

In Gilead, dem theokratischen Staat aus „Der Report der Magd”, gibt es keine erfundenen Technologien, keine Aliens, keine Fantasy-Elemente. Es gibt nur eine extrapolierte Version realer gesellschaftlicher Tendenzen. Zwangsgebärertum? Gab es. Religiöse Rechtfertigung von Frauenunterdrückung? Existiert. Die schrittweise Entrechtung – erst die Konten sperren, dann die Jobs, dann die Bewegungsfreiheit? Folgt historischen Mustern.

Das Erschreckende an Atwoods Werk ist nicht das „Was wäre wenn”, sondern das „Was passiert, wenn wir nicht aufpassen”. Die Glaubwürdigkeit entsteht durch die eiskalte Logik, mit der sie zeigt: Ich drehe nur ein paar Stellschrauben weiter. Nichts hier ist Fantasie.

Aber natürlich übertreibt Atwood. Die ritualisierte Vergewaltigung mit Bibelzitaten, die farbcodierten Kasten, die öffentlichen Hinrichtungen – diese konzentrierte Verdichtung aller Unterdrückungsmechanismen in einem System ist bewusste Zuspitzung. Übertreibung ist ein literarisches Werkzeug, keine Schwäche. Sie macht das Unsichtbare sichtbar, das Verdrängte unignorierbar.

Und Atwood vermeidet dabei simple Dualismen. In Gilead sind nicht „die Männer” pauschal böse – es ist das System, die Struktur, die Ideologie. Selbst Frauen (die Tanten) sind Mittäterinnen. Die wahre Bedrohung ist die Institution, die aus normalen Menschen Täter macht. Offred’s innere Autonomie, ihre Weigerung, innerlich zu kapitulieren, ist ihr letzter Widerstand gegen totale Bevormundung.

Die persönliche Parallele: CALIGO

Als Autorin stehe ich vor ähnlichen Herausforderungen. Mein Roman „CALIGO” sollte ursprünglich als Urban Fantasy positioniert werden, wurde dann zum Mystery-Thriller umetikettiert – nicht weil sich die Geschichte geändert hätte, sondern weil Amazon-Kategorien uns in Schubladen zwingen, die der literarischen Realität nicht gerecht werden.

Wie Atwood arbeite ich mit Extrapolation aus Realität. In meinem Fall: mit real existierenden magischen Phänomenen, die systematisch negiert werden. Nach 50 Jahren Erfahrung mit esoterischen Praktiken weiß ich, dass PSI-Phänomene existieren. Dass Bewusstseinsmanipulation funktioniert. Dass es Bereiche der Naturwissenschaft gibt, die (noch) nicht anerkannt werden – nicht weil sie nicht existieren, sondern weil ihre Anerkennung Machtstrukturen gefährden würde.

Die Umbrae in CALIGO sind meine Form der Verdichtung. Sie repräsentieren Menschen, die religiöse Strukturen für Machtmissbrauch nutzen – und war es nicht immer so? Von den Kreuzzügen über die Inquisition bis zu modernen Skandalen: Religion als Machtinstrument ist historische Konstante. Ich habe nichts erfunden. Ich zeige nur die Essenz dessen, was religiöse Machthaber immer schon getan haben.

Interessanterweise ist der Caligo selbst – die dämonische Manifestation, die dem Buch den Titel gibt – eher Opfer als Täter. Die wirklich Gefährlichen sind die Umbrae, die Menschen innerhalb der Institution. Das ist keine pauschale Kirchenkritik. Die Institution an sich ist nicht das Problem – es sind die Menschen, die sie korrumpieren. Wie bei Atwood geht es nicht um „System böse”, sondern darum, wie Menschen Systeme missbrauchen.

Magie als Werkzeug: Die Theoriestunde

In CALIGO muss Regina – und mit ihr der Leser – eine fundamentale Lektion lernen: Magie ist weder gut noch böse. Sie ist ein Werkzeug, mehr nicht. Ein Teil der Naturwissenschaft, der (noch) nicht anerkannt wird. Schwerkraft ist auch weder gut noch böse. Man kann damit bauen oder töten, heilen oder zerstören. Die Frage ist nie, ob ein Werkzeug moralisch ist, sondern wie man es anwendet.

Diese Einsicht wird in der „Theoriestunde” explizit thematisiert – einer Szene, in der deutlich wird: Es gibt keine Autorität, die dir sagt, was richtig ist. Du musst selbst denken, selbst entscheiden, selbst die Konsequenzen tragen. Das ist der Kern meiner Gesellschaftskritik: Mündigkeit versus institutionelle Bevormundung.

Regina, Lydia und Daniel – die drei Hauptfiguren – lassen sich nicht widerspruchslos einordnen. Sie verweigern aktiv die Fremdbestimmung durch Systeme und müssen lernen, mit der Freiheit und Last eigener Entscheidungen umzugehen. Das unterscheidet CALIGO von typischem Fantasy-Writing, wo der Mentor die Antworten gibt und der Held dem vorgezeichneten Weg folgt.

Hier gibt es zwei Seiten derselben Medaille: Atwood zeigt den Horror fehlender Autonomie in Gilead. Ich zeige die Notwendigkeit und Schwierigkeit von Autonomie in einer Welt, die dir gerne die Entscheidungen abnehmen würde. Beides ist Kritik an autoritären Strukturen – einmal durch deren Darstellung, einmal durch die Forderung nach Eigenverantwortung.

Das Erbe: Genre als Vergrößerungsglas

Was Atwood etabliert hat, ist ein Verständnis von Genre-Writing als Gesellschaftskritik. Nicht als Eskapismus, sondern als Vergrößerungsglas für reale Phänomene. Die fantastischen oder überzogenen Elemente dienen nicht der Weltflucht, sondern machen gesellschaftliche Wahrheiten greifbar, die sonst übersehen würden.

Das ist literarische Reife: die Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche Analysen in Erzählformen zu gießen, die emotional treffen und intellektuell überzeugen. Genre-Elemente werden dabei nicht zum Selbstzweck, sondern zum Werkzeug der Erkenntnis.

Für Autorinnen und Autoren, die heute in diesem Grenzbereich arbeiten, bedeutet das Freiheit und Herausforderung zugleich. Die Freiheit, nicht in eine Schublade zu passen. Die Herausforderung, trotzdem Leser zu erreichen, wenn Amazon-Kategorien versagen. Die Notwendigkeit, selbstbewusst zu der Hybridität zu stehen: Ja, das ist Mystery-Thriller und Urban Fantasy und Gesellschaftskritik. Ja, das passt nicht perfekt ins System. Und genau deshalb ist es interessant.

Margaret Atwood hat gezeigt: Die besten Geschichten entstehen dort, wo wir aufhören, uns um Schubladen zu kümmern, und anfangen, die Wahrheit zu erzählen – in welcher Form auch immer sie sich am besten zeigen lässt.

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