Charaktere entwickeln

Neben dem Protagonisten gibt es in jedem Roman – oder zumindest in weitgehend jedem Roman – andere Charaktere, die man dem oder den Protagonisten zur Seite stellt. Angehörige, Liebhaber, Freunde, Feinde, Kollegen, mit denen der Held interagiert. Diese Charaktere wollen entwickelt werden.

Es wichtig, dass die Helden ebenso wie die wichtigsten Nebenrollen einen wohlüberlegten und differenzierten Charakter aufweisen, der sie folgerichtig und stringent handeln lässt.

Was heißt das?

Ihr Held braucht nicht nur einen Namen, ein Alter und eine Haarfarbe. Er braucht einen eigenen Charakter, man muss (wohlgemerkt als Autor, nicht unbedingt als Leser, und vor allem nicht sofort) wissen, ob der Held einen starken Willen hat oder eher ein Weichei ist, ob er Mut hat oder ein Fähnchen im Wind ist, abenteuerlustig oder eher heimelig. Der Charakter bestimmt die Art, wie er spricht, wie er entscheidet, wie er handelt.

Beispiel

Eine Mann geht auf einer Straße entlang, als sich ihm eine Gruppe Jugendlicher entgegenstellt. Ist er selbstbewusst, dann sagt er schnaubend “Geht mir aus dem Weg, ihr Rotznasen.” Ist er eher ängstlich, dann sagt er vielleicht gar nichts, sondern versucht frühzeitig, die Straßenseite zu wechseln. Ist er ängstlich, hat sich aber vorgenommen, mutig zu sein, dann bleibt er auf dem Weg stehen und sagt mit zitternder Stimme “Geht weg, oder ich rufe die Polizei.”

Doch ein Protagonist hat nicht nur einen Charakter, er hat auch Eigenheiten. Vielleicht hat er körperliche Leiden? Ist er kurzsichtig? Hat er Sommersprossen? Empfindet er große Leidenschaft für Pferde? Hatte er den Kindheitstraum, einmal in Hawaii zu leben? All das muss nicht einmal im Roman in Erscheinung treten, aber es kann in einem Gespräch auftauchen (“du immer mit deinen blöden Pferden”), es kann als Running Gag verwendet werden (“du wärst sicher hübsch, wenn man dein Gesicht unter den Sommersprossen noch erkennen würde”) und es kann Handlungen der Helden beeinflussen (“normalerweise müsste ich meine Mutter fragen, aber mir wird schlecht bei der Vorstellung”).

Alle solchen Details formen das Bild, das ein Leser im Laufe der Zeit gewinnt, und das erweckt eine Figur in seiner Fantasie zum Leben, lässt ihn sich identifizieren und mit der Geschichte mitfiebern.

Aber wie denkt man sich solche Details aus?

Für Romane benutzen viele Autoren sogenannte Charakterbögen, das ist ein einheitlicher Fragenkatalog, in dem sie viele detaillierte Fragen beantworten, sowas wie “was trinkt er am liebsten” oder “was sind seine geheimsten Ängste” oder auch “was denken Fremde beim ersten Aufeinandertreffen”. Der Bogen muss nicht vollständig ausgefüllt werden, sondern soll ein Bild vermitteln, wie man sich den Helden vorstellt.

Im Verlauf des Romans wird dieser Charakterbogen ergänzt. Hat man zunächst nicht bestimmt, welches Auto er fährt, und lässt dann in einer Szene eine Ente auftauchen, dann sollte man das im Charakterbogen notieren, denn es wäre peinlich, wenn er fünfzig Seiten später plötzlich einen Mercedes fahren würde.

Und während des Schreibens sollte man sich den ausgedachten Charakter (bezeihungsweise alle, die man beschrieben hat) verinnerlichen und sich bei jedem Dialog, bei jeder Handlung fragen:

Würde mein Held mit seinem Charakter so etwas tatsächlich sagen oder tun?

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