7. Dezember 2021

Freude beim Schreiben?

Was ist eigentlich Sinn und Zweck des Schreibens? Warum setzt man sich Stunde um Stunde, Tag für Tag an den Rechner, denkt sich Geschichten aus, arbeitet wie ein Verrückter, um immer besser zu werden, überprüft Texte auf Rechtschreibung und Grammatik, sucht nach Wortwiederholungen, bösen Adjektiven und Phrasen, setzt sich der Kritik von Testlesern aus, arbeitet Korrekturen ein. Warum das alles?
Um Bestseller-Autor zu werden? Um vom Schreiben leben zu können? Seien wir mal ehrlich. Statistisch gesehen wird keiner von uns Bestseller-Autor. Die wenigsten verkaufen überhaupt ein paar Bücher. Die meisten werden niemals ein Buch zu Ende schreiben oder gar veröffentlichen.

Warum also?

In meinem Fall war der Anlass, dass in mir eine Gefühlswelt brodelte, die ich im Laufe der Jahre tief in mir verschlossen hatte. Die ich nicht in der Lage war, ins Außen zu tragen, bis zu dem Tag, an dem ich mich an den Rechner gesetzt, Word geöffnet und meinen ersten Satz geschrieben habe. Er lautete »Die Geschichte, die ich hier erzähle, ist leider nicht erfunden.«

Ein Dampfkessel

Von diesem Tag an ergossen sich all meine Erlebnisse und Gefühle in diese Texte wie Dampf, der aus einem Druckkessel entweicht. Und mit jedem Wort, das ich schrieb, wurde mein Herz leichter. Beim Schreiben wurde der Wunsch wach, andere an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen. Vielleicht konnten sie aus meinen Texten etwas lernen, ohne dass sie durch die gleiche harte Schule gehen mussten. Der Wunsch nach Heilung wurde wach, Heilung für mich und Heilung für andere Betroffene.

Träume und Sehnsüchte

Aber dann geschah etwas Überraschendes. Der Wunsch nach Heilung wurde begleitet von einem anderen Gefühl. Dem Wunsch, die Freude in mein Leben zurückkehren zu lassen. Und ich meine damit nicht das Glück im Äußeren, sondern das Glück, das man unabhängig von den Lebensbedingungen im Herzen trägt. Der Wunsch nach einer Geschichte, die sich nur in meinem Kopf abspielt, die meine Träume und Sehnsüchte erfüllt, die beim Schreiben schon Spannung und Euphorie in mir wach werden lässt. Und das Gleiche auch beim Leser hervorruft.

Spannung

Womit wir beim eigentlichen Thema dieses Textes sind. Die Spannung.
Was nutzt die ganze Sucherei nach Adjektiven und Kommas, wenn die Geschichte nicht genug Spannung erzeugt, um beim Leser Gefühle hervorzurufen? Wenn man einen Text nicht zu Ende liest, weil man mit dem Helden mitfiebert, sondern weil es ein hochliterarischer Text mit durchgestylten Formulierungen ist, den man aus Pflichtbewusstsein zu Ende liest, oder weil man das Buch eben bezahlt hat.

Freude

Man prüft nur noch, sind die Wörter alle verschieden, sitzen die Kommas an der richtigen Stelle? Aber man achtet nicht mehr auf den Inhalt. Ist das Thema spannend? Erzeugt es Gefühle in mir? Lässt es mich mit dem Helden hoffen und bangen? Macht es mich glücklich, wenn er es am Ende schafft?
Mich irritiert immer wieder, dass Autoren über tausend Dinge diskutieren. Über den Klappentext. Über das Cover. Über den ersten Satz. Über die Frage, wo Kommas gesetzt werden. Über Zeitformen und Perspektiven. Nein, die Aussage ist falsch formuliert. Mich irritiert nicht, dass darüber diskutiert wird, denn es sind wichtige Themen. Mich irritiert vielmehr, dass über den Inhalt der Geschichten nicht diskutiert wird.
Mir erscheint das wie die Frage eines Architekten, ob man die Tapete schön findet, wo er zuallererst den Grundriss prüfen sollte.
Ich vermisse immer wieder die Frage, ist mein Text spannend? Ist das Thema interessant? Ist mein Protagonist sympathisch? Ist mein Antagonist böse genug? Bietet die Geschichte genug Überraschungen?
Die allererste Frage an einen Testleser sollte also meines Erachtens nicht an den Kopf gerichtet sein, sondern an das Herz. Bereitet es Freude, den Text zu lesen?
Wie denkt ihr darüber?

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