3. Fragt sich, wer hier unfähig ist

Gegen Mittag stand Regina neben dem Sandkasten und schaute Richtung Rutsche. Die gleißenden Sonnenstrahlen fuhren ihr wie Blitze in die Augen und hinterließen einen stechenden Schmerz. Sie beobachtete die Kinder, die laut quietschend und grölend um sie herum wuselten. Das Echo ihrer Schreie hallte lange in ihrem Kopf nach.
Sie hatte schon eine Tablette eingeworfen, die bislang noch keine Wirkung zeigte. Ihre Blicke schweiften immer wieder über den gesamten Platz und die vielen Kinder. Das wäre eigentlich ein Job für zwei Aufsichtspersonen, aber Schwester Agnes verdrückte sich häufig mit fadenscheinigen Ausreden, wenn es raus ins Freie ging.
»Kraaa«, hörte sie durch das Lärmen der Kinder hindurch. Der Spielplatz war von hohen Bäumen umsäumt. Dort saß eine Rabenkrähe. Der kleine Timo drehte den Kopf und zeigte auf den Vogel. »Ja, Timo, schon wieder die Krähe.«
Aus der Ferne erreichte ein Dröhnen ihre Ohren. Sie blinzelte, beschattete die Augen mit der flachen Hand und suchte den Himmel ab. Über ihr näherte sich ein Oldtimer der Lüfte aus dem Zweiten Weltkrieg, liebevoll Tante JU genannt. Das Wummern der Rotoren wurde immer lauter und lauter, bis ihr Körper vibrierte. Die JU flog tief, fast konnte man die Leute an den Fenstern erkennen. Sehnsüchtig starrte sie nach oben. Die Propeller, die Unterseite des Rumpfes mit dem Fahrwerk, das Ruder zogen an ihr vorbei. Zwei schwarze Streifen zierten die Flügel. Das Flugzeug zog unbeeindruckt über sie hinweg, bis es langsam in der Ferne immer kleiner wurde und verschwand.


Etwas zupfte an ihrem T-Shirt. »Tante!« Der Vierjährige schaute zu ihr auf und deutete in die Richtung, in der die Maschine verschwunden war.
»Timo, ich heiße Regina, nicht Tante!«
»Ich will auch fliegen!«
Regina lächelte verträumt. »Ja, Timo, das will ich auch.« Timo wandte sich um, breitete die Arme aus und lief los. Mit der Stimme ahmte er das Motorengeräusch nach, drehte nach rechts ab und legte den Körper in die Kurve. Ihre Augen folgten ihm. Sie stellte sich vor, wie sie die Arme ausbreitete und sich leichten Herzens vom Erdboden erhob. Die Luft blies ihr ins Gesicht, die Haare flatterten im Gegenwind, während die Landschaft unter ihr dahin sauste. Unbändige Freude über die neu gewonnene Freiheit machte sich in ihr breit …
Erneutes Geschrei riss sie aus ihrem Tagtraum. Die Kinder drängelten sich an der Rutsche. »Stellt euch nacheinander auf, einer nach dem anderen, es kommt jeder dran«, brüllte sie über das Gekreische der Kinder hinweg. Aus den Augenwinkeln bemerkte Regina Aylin, das kleine türkische Mädchen, das heute zum ersten Mal da war. Sie stand am Zaun und beobachtete eingeschüchtert die Szene.
Hinter ihr begann Felix zu weinen, seine Nachbarin im Sandkasten hatte ihm Sand ins Gesicht geworfen. »He, Tanja, lass das sein! Das darf man nicht!« Erschrocken riss Tanja ihre Kulleraugen auf. Mühsam ging Regina in die Hocke und wischte Felix den Sand aus dem Gesicht. Er war schon wieder mit dem Sandsieb beschäftigt. Jetzt zeigte sie der kleinen Tanja, wie man mit der Schippe die Sandförmchen füllte.
»Ich will auch fliegen«, rief jemand hinter ihr. Sie drehte sich suchend um. Timo war auf das Klettergerüst gekrabbelt und saß nun oben auf der Spitze. »Timo, hab ich dir nicht gesagt, dass du da nicht hochklettern sollst? Du kommst doch da nicht wieder runter. Du kannst nicht fliegen!«
So schnell es ihr eben möglich war, hinkte Regina zu Timo und streckte die Arme nach ihm aus. »Komm runter!« Sie fuchtelte mit den Armen und versuchte, ihn dazu zu bewegen, sich ihr entgegenzubeugen.
»Ich will fliegen! Ich will fliegen!«, brüllte er, versuchte, die Arme auszustrecken. Fast verlor er das Gleichgewicht, klammerte sich an der Stange fest. Sein Blick wandte sich dem Boden zu. Plötzlich wurden seine Augen weit. Angsterfüllt starrte er nach unten, die ersten Tränen kullerten.
»Komm da runter!«
Timo schüttelte den Kopf und schluchzte laut auf. Tränen liefen ihm in Strömen über die Wangen.
Regina hatte keine Wahl: Sie musste das Klettergerüst hochsteigen. Allein bei dem Gedanken wurde ihr Atem schneller. Das Blut rauschte in ihren Ohren, als sie den rechten Fuß auf die erste Querstange setzte. Sie zog das steife Bein nach und stellte es ab. Ihr Herz klopfte heftig gegen ihren Brustkorb. Die Kopfschmerzen wurden unerträglich. Sie hielt sich krampfhaft an den oberen Sprossen fest, atmete flach und stoßweise. Ihr Bein wollte sich nicht auf die dritte Sprosse anheben lassen. Erneut streckte sie einen Arm nach Timo aus, während sie mit dem anderen die Stange umklammerte. Timo brüllte aus voller Kehle.
»Ganz ruhig, du kannst das!« Eine Hand legte sich beruhigend auf ihre Schulter. Stand jemand hinter ihr? Sie war nicht in der Lage, sich umzudrehen. Vermutlich hatte ihr die Panik Trugbilder vorgegaukelt. Wieder versuchte sie, sich nach Timo auszustrecken. Ohne dass sie ihn erreicht hätte, schoben sich Zipfel seiner Jacke nach vorne und schwebten Regina entgegen, übten einen leisen, aufmunternden Zug auf Timo aus. Widerwillig gab er nach und beugte sich nach vorne. Regina blinzelte überrascht.
»Was ist denn hier los?« Schwester Agnes! Die Nonne stand mit offenem Mund da und starrte auf Timos Jacke, deren Zipfel augenblicklich wieder brav nach unten hingen. Sie sah Regina mit aufgerissenen Augen an, raffte ihre Kutte vorsichtig nach oben, stieg die drei Sprossen hoch und streckte Timo einen Arm entgegen. Direkt neben Reginas Gesicht waren Schwester Agnes Hände, schmal, sehnig, die Fingerkuppen und Nägel gelblich verfärbt.
Timo traute sich endlich, die Stange loszulassen, und klammerte sich an ihrer Schulter fest. Sie schlang einen Arm um Timos Brust, hob ihn über die oberste Stange und setzte ihn auf der Hüfte ab. Vorsichtig stieg sie die Sprossen herab und stellte ihn auf den Boden.


Regina, die immer noch auf der zweiten Sprosse stand und sich festklammerte, beobachtete wortlos die Szene.
Schwester Agnes beugte sich jetzt zu Timo hinunter. »Dass du das nicht noch mal machst! Du weißt doch genau, dass du da nicht wieder runter kommst!« Timo drehte sich um und lief weinend davon.
Agnes’ Augen wurden schmal wie Schlitze, als sie ihre Angestellte fixierte. »Ich habe alles gesehen. Das war Zauberei!«, flüsterte sie.
»Zauberei? Also ehrlich, Schwester, es gibt keine …« Regina versagten die Worte. Sie hechelte nach Luft, ihr schlug das Herz immer noch bis zum Hals. »Es ist doch gar nicht viel …«
»Sie sind mit dem Teufel im Bunde, habe ich Recht? Ich wusste von Anfang an, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt.« Agnes’ Atem stank teerig.
»Ich bitte Sie, wir sind doch nicht im Mitt…«
»Sie sind mit dem Teufel im Bunde!« Agnes’ Stimme überschlug sich. Sie griff nach dem Kruzifix um ihren Hals und hielt es Regina entgegen, als habe sie einen Vampir vor sich.
Ein paar der Kinder hatten die Köpfe gedreht. »Jetzt werden Sie mal vernünftig. Der Teufel, das ist doch nicht ihr Ernst! Der Wind hat die Zipfel aufgebläht.«
Die Schwester blickte in die Gesichter der Kinder und ließ das Kruzifix fallen. Sie blinzelte nervös und bemühte sich sichtlich um einen beiläufigen Tonfall. »Kommen Sie gefälligst da runter. Wieso haben Sie ihn überhaupt da rauf gelassen?«
»Ich war alleine, ich kann nicht überall gleichzeitig hinsehen.«
»Mein Gott, jetzt bin ich mal drei Minuten weg telefonieren, und schon kann die Dame nicht überall zugleich sein.« Schwester Agnes wollte sich schon umdrehen, da wandte sie sich noch mal zurück.
»Wenn Sie diese Arbeit überfordert, dann müssen Sie sich etwas anderes suchen! Holen Sie die Kinder rein, es gibt gleich Essen.« Agnes gab ein erschöpftes Seufzen von sich.
Kaum hatte sich Reginas Herzschlag beruhigt, trieb ihn der Zorn wieder in die Höhe. Diese blöde, selbstgerechte Kuh. Wenn die an ihrem Arbeitsplatz gewesen wäre, statt auf der Personaltoilette zu rauchen, dann wäre das alles nicht passiert. Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah sie Schwester Agnes nach, die schon wieder im Gebäude verschwand.
Sie versuchte, sich zusammenzureißen, und setzte einen fröhlichen Ton auf. »Kinder, es gibt Essen!«, rief sie in die Runde. »Alles reinkommen und Hände waschen!« Die Kinder brüllten begeistert auf und rannten ins Gebäude, unter ihnen Timo, der das Intermezzo bereits vergessen hatte.
Regina warf einen Blick zum Himmel. Innerhalb von Minuten waren dunkle Wolken herangezogen. Die richtige Zeit, um ins Haus zurückzukehren. Ganz hinten in der Ecke stand immer noch Aylin. Sie starrte verloren in den nun leeren Hof. Regina kam auf sie zu und beugte sich zu ihr hinunter. »Verstehst du mich?«, fragte sie mit leiser Stimme.
Die Kleine nickte.
»Magst du mit uns zusammen essen?«
Wieder nickte die Kleine. Regina stand auf und streckte ihr die Hand entgegen. Dankbar griff Aylin danach, hielt sie fest und folgte ihr zögernd.
Die beiden gingen in Richtung des knallig orange angestrichenen Flachbaus. Auf der Kindertoilette zeigte sie ihr, wie sie die Hände waschen konnte. Dann führte sie sie an die kleinen Tische und forderte sie auf, sich zwischen die anderen Kinder zu setzen. Ein Teller mit Spaghetti stand schon da. Die Augen der Kleinen weiteten sich. Erfreut griff sie mit ihren Fingerchen nach einer Nudel.
Schwester Agnes, die am anderen Ende des Tisches saß, brüllte wuterfüllt, »Es wird noch nicht gegessen, zuerst wird gebetet!«
Aylin zog die Nudel mit gespitzten Lippen in den Mund, dabei spritzte ihr Soße ins Gesicht. Sie blinzelte irritiert, dann lachte sie entzückt auf.
Agnes stand abrupt auf, schoss um den Tisch herum, packte Aylin am Ellenbogen und riss sie vom Stuhl hoch. »Wir beten zuerst, habe ich gesagt!«
Entsetzt starrte Aylin die Schwester an. Einen Moment lang reagierte sie gar nicht, dann begann sie, lautstark zu weinen.
Bevor Regina nachdenken konnte, flog das Habit der Nonne nach oben und klebte vor ihrem Gesicht. Die Kinder kicherten. Das kleine Mädchen wand sich aus Agnes’ Klammergriff, Regina ging einen Schritt nach vorne und schob sich gewaltsam zwischen die Schwester und das kleine Mädchen. »Nehmen Sie Ihre dreckigen Finger weg, verdammt noch mal.«
Erschrocken starrten die Kinder auf das absurde Bild. Langsam, ganz langsam senkten sich die Zipfel der Tracht wieder ab, bis sie an ihrer ordnungsgemäß vorgesehenen Stelle angekommen waren. Eisiges Schweigen erfüllte den Raum. Schwester Agnes starrte sie an, dann holte sie tief Luft. »Sie sind mit dem Teufel im Bunde! Packen Sie auf der Stelle ihre Sachen und verschwinden Sie.«
Regina war bewusst, dass sie damit hätte rechnen müssen. Trotzdem fuhr ihr der Schreck in die Glieder. Sie musste retten, was zu retten war! »Äh, Schwester Agnes …«
»Raus hier!«, brüllte Schwester Agnes. »Sofort! Und kommen Sie nicht wieder.«
»Bitte, Schwester Agnes …«
»Sie verschwinden hier sofort!«, brüllte Schwester Agnes sie an. »Auf der Stelle!«


Hier war jedes weitere Wort vergeblich. Regina drehte sich um und holte wortlos Jacke und Tasche aus dem Spind. Als sie das Haus verließ, standen Timo und Aylin am Fenster und schauten ihr nach. Der Schock saß ihr tiefer in den Knochen, als sie zugeben wollte. Dabei hatte sie den Kindergarten gemocht, die Arbeit mit den kleinen Rackern. Mittlerweile regnete es, passend zu ihrer Stimmung. Trotzdem ließ sie die Jacke über dem Arm hängen. Das war jetzt auch egal.
Hinter Timo und Aylin erschien Agnes im Fenster und rief ihr hinterher, »So eine unfähige Erzieherin haben wir ja noch nie gehabt!« Wütend schubste sie die beiden Kinder zur Seite und schloss das Fenster. Während sie ihr mit grimmigem Ausdruck nachblickte, hob sie ein Handy ans Ohr.
»Fragt sich, wer hier unfähig ist. Scheiß-Tag! Ich hätte auf mein Bauchgefühl hören sollen.«
Sie ging zu ihrem Auto, ohne sich noch einmal umzudrehen.

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