7. Dezember 2021

Vergewaltigung in Romanen

Hier eine Szene, über die ich mich mit Kollegen schon Monate in die Wolle bekomme. Um eure Neutralität nicht zu gefährden, verzichte ich auf jede Information über bisherige Kommentare, Positionen, Morddrohungen etc.

Ich bitte um Stellungnahmen jedweder Art.

  • gewinnt der Leser eine negative Einstellung zu Morgana?
  • gewinnt der Leser eine negative Einstellung zu Merlin?
  • hasst der Leser den Autor des Buches, wird er es wegen dieser Szene nicht kaufen?
  • gib es Tendenzen, eine Vergewaltigung zu belächeln?
  • gib es Tendenzen, dieses Thema nicht distanziert betrachten zu können?

Hier der Text:

Merlins Prüfung

»Kleiner Zauberer, Lust auf eine Lektion?« Morgana lächelte undeutbar.

Merlin nickte freudig. »Aber nur, wenn du mir etwas Neues beibringst.« Seine Augen leuchteten.

Morganas Miene bekam einen diabolischen Glanz. »Versprochen«.

Merlins Lächeln entgleiste ein wenig. »Nicht schon wieder Gespräche über Weltanschauung!« Er rollte mit den Augen.

Morgana pfiff bestens gelaunt ein Liedchen und führte sie in einen Hinterhof. Merlin lauschte. Was hatte Morgana entdeckt? Ihr Gespür war dem seinen immer noch weit überlegen. Als sie um eine Ecke bogen, stockte ihm der Atem. Ein Mann würgte ein bildhübsches Mädchen, keine fünfzehn Jahre alt. Ihre Kleider hingen in Fetzen von ihr. Sie wehrte sich schwach, und für jede Bewegung bekam sie einen Fausthieb ins Gesicht. Der Verbrecher ließ die Hose runter.

Merlin sprintete los. Doch die Welt fror ein. Mitten in der Bewegung schwebte die Faust des Untäters Zentimeter vor der Nase des Mädchens, ihre Augen starrten in eingefrorenem Grauen darauf. Morganas Lied bannte Merlin im Sprung in der Luft.

»Was hast du vor, kleiner Magier? Willst du ihn verprügeln, oder etwas lernen?«

Die Wut kochte in Merlin hoch. »Ich renne eine Runde um den Block und jäte Unkraut, danach nehme ein Vollbad.«

Aus dem Baum über Merlin fiel eine unreife Aprikose.

»Autsch!« Merlin versuchte vergeblich, den Arm zu bewegen, um sich den schmerzenden Kopf zu reiben. Er stöhnte. »Ist ja gut. Ich renn da hin und hau den platt.«

»Warum hast du keine Angst, dass er dich platt macht?«

Merlin schrie Morgana an. »Bist du blöd? Du weißt genau, wie gut ich kämpfen kann!«

»Richtig. Du hast dich für diesen Weg entschieden. Dieses Mädchen nicht. Jeder trägt die Konsequenzen für seine Entscheidungen. Sie hat sich für Minnegesang und Schminke entschieden. Willst du dem Schicksal in den Arm fallen?«

Merlin stöhnte. »Da darf doch nicht wahr sein. Du willst sagen, das arme Ding ist dran schuld, dass sie vergewaltigt wird?«

Morgana lehnte sich lässig gegen die Wand. »Hab ich das Wort ’Schuld’ in den Mund genommen?«

»Du hast gesagt, sie wird vergewaltigt, weil sie sich schminkt statt mit dem Schwert zu üben.«

»Hab ich nicht. Warum reagierst du so emotional? Du hörst nicht, was ich sage. Du reagierst in vorgefertigten Schablonen. Das ist deiner unwürdig. Was regt dich auf? Ist es der Tatbestand der Vergewaltigung?«

Merlin schnaubte und versuchte erneut, sich zu befreien.

»Kleiner Zauberer, du kannst deine Macht nicht immer einsetzen, um deine Vorstellung von Moral mit Gewalt durchzusetzen. Das führt auf Dauer zu nichts. Die Menschen müssen freiwillig für sich entscheiden.«

Merlin wand sich. »Und das Kind hat frei entschieden, vergewaltigt und umgebracht zu werden?«

»Hab ich das gesagt? Wieso kannst du dich mit dem Thema nicht ruhig und sachlich auseinandersetzen?«

Die Melodie ebbte ab. Merlins Schwung trug ihn in die Szene. Mit zwei kurzen Hieben beendete er eine Verbrecherkarriere.

Vor Merlin lag der Täter auf dem Boden und rührte sich nicht. Es war ein dürrer Halbstarker, aus seiner Hand fiel ein Brecheisen, neben ihm stand ein Korb mit Äpfeln auf dem Boden. Das Schloss zum Marktstand war aufgebrochen.

»Was …?« Merlin schaute sich um. Kein Mädchen in Sicht. Mit lautem Geschrei rannte die Stadtwache auf den Hof. Sie hielten Merlin ihre Piken vor die Brust.

»Nennt mir Euren Namen und Euer Begehr!«

Betäubt gehorchte er. Der zweite Krieger entdeckte Morgana im Schatten und erkannte sie sofort.

»Mylady!« Er verbeugte sich, die Waffen wurden gesenkt.«

»Sauber ausgeknockt.« Sein Kumpan trat nahe an Merlin heran. »Rechter Arm gebrochen. Haben wir ein wenig überreagiert?«

»Wo kommt ihr denn so schnell her?«

Wortlos deutete der Gardist nach oben. Im Obergeschoss wurde rasch ein Fenster geschlossen. »Und jetzt gewinnt Land!«

Merlin schlich sich wortlos davon, Morgana stieß sich von der Wand ab und folgte ihm, wobei sie ausgiebig Beifall klatschte. Hinter der nächsten Ecke fuhr Merlin herum. »Sag, mal bist du komplett wahnsinnig geworden?«

»Wieso? Was hab ich denn getan?«

»Hör auf mich zu verarschen.« Merlin atmete schwer.

»Wenn ich mich richtig erinnere, stand ich friedlich herum, während du einen Ganoven halbtot geschlagen hast.«

Merlin sah nur noch rot. Er ballte die Fäuste. »Du weißt genau, dass dem nicht so war.«

»Nicht? Du hast einen Verbrecher bei der Arbeit gestört und zusammengeschlagen.«

»Ja, einen Vergewaltiger, und ich wollte das Mädchen retten.«

»Und? Hättest du ihm dafür den Arm brechen müssen? Was für einen Unterschied macht die Art des Verbrechens? Darf man einen Vergewaltiger zusammenschlagen, einen Apfeldieb aber nicht?«

Merlin ließ die Arme hängen. Er wäre seiner Herrin am liebsten an die Gurgel gegangen.

»Du prahlst mit deiner Kampfkraft. Du hättest ihn bis zum Eintreffen der Wache am ausgestreckten Arm verhungern lassen können. Für dich bestand zu keinem Zeitpunkt die geringste Gefahr.«

Langsam wich die Wut aus Merlin und machte Ernüchterung und Schuldgefühlen Platz. »Ja, ich weiß, ich habe Flurschaden angerichtet.«

»Und du meinst, das ist mit einer Entschuldigung aus der Welt zu schaffen?«

Merlin ertrug den Blick nicht. Er wandte sich ab. »Es war nicht fair von dir.«

Morgana nahm ihn in den Arm. »Doch, es war fair. Dir gegenüber. Anderen Menschen gegenüber. Wenn ich Recht habe, geht der nächste Kuchen auf deine Rechnung. Einverstanden?«

Merlin sah sie fragend an.

Wortlos führte Morgana ihren Lehrling um die Ecke. Sie standen auf einer kleinen Wiese. Kein Marktstand. Keine Äpfel. Keine Wache.

Merlin fuhr herum. »Alles Illusion?«

»Merlin, glaubst du im Ernst, ich würde jemanden in Gefahr bringen, nur um Verstand ich dich zu prügeln?«

»Tu nicht beleidigt. Du bist eine gemeine, bösartige, hinterhältige …« Er warf sich Morgana in den Arm. Den Rest seiner Worte dämpfte ihre Schulter.

»Hast du was gelernt?«

Merlin nickte.

»Kleiner, du hast ihn nur verprügelt, aber auf den Einsatz deiner Magie verzichtet. Es wird so langsam mit dir.«

»Morgana? Was würdest du tun, wenn du wirklich einmal Zeugin einer Vergewaltigung wirst?« Er schaute der Erzmagierin tief in die Augen. Morgana erwiderte den Blick. Merlin wurde kalt.

»Morgana, warum nutzt du deine Macht nicht? Die Welt wäre ein besserer Ort.«

»Ich habe schon viel zu oft eingegriffen. Es hat sich nie zum Guten herausgestellt. Ist ein Mensch gut, wenn er aus Angst vor Strafe nichts Böses anrichtet?«


Wie bewerten Sie den Beitrag?

Klicken Sie auf einen Stern zum Bewerten!

1 Bewertungen, im Schnitt 4 Sterne

Bisher keine Bewertungen!

3 Gedanken zu “Vergewaltigung in Romanen

  1. Also, ich nehme jetzt auch mal öffentlich Stellung, weil ich anderer Meinung bin als alle anderen. :-)

    Ich finde, Michael hat die falschen Fragen gestellt und damit auch die falschen Antworten provoziert. Es geht eben nicht um die Frage, ob man eine Vergewaltigung in einem Roman schildern darf. Es geht um etwas ganz anderes.
    Er möchte in dieser Szene die Frage der Selbstjustiz abklären, weil Merlin und Morgana da verschiedene Meinungen vertreten. Und er möchte Merlin damit Morgana demonstrieren lassen, dass Gewalt keine Lösung der Probleme erbringt, was ja grundsätzlich richtig ist.

    Mein Problem ist, dass die Szene das nicht im Mindesten hergibt, im Gegenteil. Die Szene macht die beiden Protagonisten zu armseligen Gaffern, die rumstehen und Weltanschauungen diskutieren, statt zu helfen. Das nimmt vor allem Morgana jede Sympathie, zumindest von meiner Seite, sie kommt nur noch negativ rüber, obwohl sie eine positive Persönlichkeit haben soll.
    Und als Quintessenz bleibt die Ansicht, dass Merlin das Richtige getan hat, was ja als Botschaft eben nicht rüberkommen sollte.
    Die Szene ist deshalb meines Erachtens vom Plotansatz her schon falsch angelegt und müsste andere Dialoge und ein anderes Ende erhalten.

  2. Ich habe deinen Beitrag auf Facebook gesehen und gerade drüber gelesen.
    Ganz ehrliche Meinung: Ich empfinde weder negativ Merlin, Morgana noch dem Autor gegenüber. In meinen Augen wird hier eine Lektion zu Moral, Selbstjustiz und Machtgefüge dargestellt. Ich persönlich finde es gut gelungen. Der makabere Gegensatz der fröhlichen Morgana zum rasenden Merlin und der Vergewaltigungsszene ist ein realer Widerspruch, der in der heutigen Welt existiert (war for peace is like f****** for virginity). Nichtsdestotrotz ist in meinen Augen die Lektion gelernt: Moral und Selbstjustiz liegen immer im Auge des Betrachters und sind abhängig von der jeweiligen Perspektive. Nichts davon ist objektiv oder kann objektiv betrachtet werden. Und auch Machtmissbrauch wird angezeigt und thematisiert. Auch kulturell ist in einigen Ländern dieser Welt tatsächlich ein Apfeldieb härter zu bestrafen, als ein Vergewaltiger – und ich bin dagegen, einen auf heile Welt zu machen, obwohl jeder weiß, dass es anders ist. Es ist immer ehrenwert, helfen zu wollen und auch wichtig. Es ist aber auch wichtig zu verstehen, dass man nicht immer helfen kann.

    Zusammengefasst kann man sagen, dass Vergewaltigung und auch die Stellung der Frau insgesamt in Romanen (ich habe schon etliche fiese Rezensionen gelesen, bei welchen ich völlig anderer Meinung war) noch lange ein kontroverses Thema bleiben werden. Ich glaube aber nicht, dass Abmilderung oder Vertuschung, gar Ignoranz, helfen, dieses Thema “vom Tisch zu räumen”.

    Ich hoffe, das hilft dir.

    1. Oki
      Ich hab jetzt jede Menge Input.
      Ich schreibe die Szene demnächst um: Nishka bekommt die Wahl, sich in verschiedenen Szenen für oder gegen Gewalt als Lösung auszusprechen. Sie wird jeweils mit dem Resultat ihrer Entscheidung konfrontiert. Zu schaden kommt in den Lektionen nach wie vor niemand wirklich.
      Der Threat wird in diesem Teil des Forums nicht weiter entwickelt, sondern im geschlossenen Teil,.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.