Zwei Männer in Betrachtung des Mondes

Die untergehende Septembersonne sandte willkommene Wärme. Caspar blieb stehen, blickte nachdenklich zurück ins Tal und danach auf den Berg, der vor ihm lag. Der Weg wand sich schmaler werdend hinauf, geriet zu einem Pfad, dann eher zu einem Steig. Seufzend setzte er seinen Weg fort, wich einem großen Felsbrocken aus, setzte den Fuß zwischen die Wurzelausläufer einer alten Fichte, rutschte auf dem trockenen Geröll aus. Er schwankte, ruderte mit den Armen, soweit der enge Gehrock es zuließ, und fing sich im letzten Moment. Den Gedanken, die oberen Knöpfe zu öffnen, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben, stufte er als unangemessen ein.
»Genosse, ich fürchte, wir sind vom Weg abgekommen.«
Sein Kompagnon hielt ein, wandte sich um, sah auf ihn herab und schüttelte selbstbewusst den Kopf, den Zeigefinger in Dozentenmanier nach oben gestreckt. »Der Weg, den man einschlägt, ist immer der, den Gott für uns vorgesehen hat.«
Caspar war nicht mehr so sicher, ob er den passenden Wanderkameraden gewählt hatte. »Euer Vertrauen in allen Ehren, doch der Tag neigt sich seinem Ende zu. Der Rausch Eures beachtlichen Burgunders hat sich längst verflüchtigt, vom vergangenen Mahl ganz zu schweigen, und meine Schuhe …« Er betrachtete bekümmert die sündhaft teuren, schwarzen Schnallenschuhe, die jetzt ein schmutziges Grau angenommen hatten. »… und auch meine Füße sind nicht mehr in der Verfassung, in der ich sie heute Morgen vorgefunden habe. Lassen Sie uns eine Rast einlegen und überlegen, wie wir verfahren.« Caspar betrachtete den großen, kräftigen Mann, der, auf einen Wanderstab gestützt, da stand wie Mose in der Wüste, und auf die Erleuchtung durch den brennenden Busch wartete. Einzig um den wärmenden Umhang und die wollene Ballonmütze beneidete er ihn.
»Lassen Sie uns bis zum Gipfel aufsteigen und schauen, was sich auf der anderen Seite findet.« Mose … eigentlich nannte er sich Friedrich … entschied eigenmächtig, ohne Caspars Meinung zu beachten, zückte seinen Stab und setzte seinen Weg gemessenen Schrittes fort.
Die zehn Gebote würde er dort oben auch nicht finden. Caspar schob die leichte Kappe in den Nacken, seufzte und bemühte sich, ihm zu folgen.
Der Baumbestand wechselte von Buchen und Fichten zu Tannen und vereinzelten Steineichen, deren Blätter sich gelb verfärbt hatten und im Abendwind tanzten. Mächtige Felsen ragten aus der Erde und reckten sich ihm entgegen, als wollten sie ihn aufhalten. Sehnsüchtig hielt er nach dem Gipfel Ausschau in der Hoffnung, dort einen Aussichtspunkt mit einer bequemen Bank vorzufinden.


Oben angelangt, zog er ein Taschentuch aus dem Ärmel und tupfte sich die Schweißtropfen von der Stirn.
Der Pfad hatte einen Felsbrocken gespalten und voller Entschiedenheit zur Seite gedrängt. Eine uralte Steineiche hatte sich gleichermaßen vom Weg abgewandt und
gegen den Felsen gelehnt, zu alt, um aufrecht zu stehen, zu lebendig, um sich dem Verfall zu ergeben. Ihre Wurzeln streckte sie wagemutig gen Himmel.
Im Zwielicht hob sich die Silhouette Friedrichs ab, der ihm den Rücken zuwandte. Caspar ging die letzten Schritte, seine Füße brannten. Weit und breit gab es keine Gelegenheit, sich unbeschadet und eines Mannes würdig niederzulassen. Er stellte sich neben Friedrich und stützte sich kumpelhaft auf dessen Schulter, um wenigstens einen Fuß zu entlasten.
Friedrich zuckte kurz zusammen, entzog sich der Vertraulichkeit jedoch nicht. Sein Blick wanderte über sanfte, bewaldete Kuppen und Täler, in denen der Dunst des Abends waberte. Eine geschlossene Kronendecke, nirgendwo auch nur der Hauch einer Besiedlung, ein Dachgipfel, eine Rauchfahne. Er lauschte. Keine Kinderstimmen, kein Hundegebell. Um diese Uhrzeit sangen die Vögel nicht mehr, nur das Rauschen des Windes und das Knistern der Blätter summten eine leise Melodie. Die Schatten der Nacht krochen hervor, die Mondsichel schälte sich aus dem orangefarbenen Licht der untergehenden Sonne. Etwas huschte lautlos an Caspars Ohr vorbei, streifte seine Haare. Eine Fledermaus, schneller verschwunden, als er sie wahrgenommen hatte.
Aufmerksam betrachtete er den Weg, der kaum noch zu erkennen war. Gräser und Stauden wuchsen aufrecht und unversehrt. Ein kleiner Trampelpfad querte hinunter ins Tal. »Der Weg scheint nicht oft genutzt, wir sollten eine andere Richtung einschlagen.« Caspar versuchte, seiner Stimme einen zuversichtlichen Klang zu geben.
Friedrich grunzte verächtlich. »Unsinn. Wir sind nicht so weit gewandert, um jetzt vom eingeschlagenen Kurs abzuweichen.«
»Und wenn dieser in die Wildnis führt?«
»Wozu sollte er da sein, wenn er denn ins Nirgendwo führen sollte? Es ist niemals falsch, auf bewährten Pfaden zu verbleiben.«
»Vielleicht entstand er, weil auch die Gedanken anderer diese Spur niemals verlassen haben?« Caspar ließ eine Spur von Trotz offenbar werden. »Mir scheint, als führe hier ein kleiner Steig seitab ins Tal. Werft mir vor, dass der Mond meine Sinne berauscht. Doch er rät mir, diesen Weg zu nutzen.«
Friedrich hob unwillig die Schultern an und schüttelte Caspars Arm ab. »Was Sie da zu erkennen glauben, ist nicht mehr als ein Wildwechsel.« Sein Blick schweifte zum Himmel. »Der Mond gaukelt uns Eingebungen vor. Letztlich ist er nur eine Ansammlung massiven Gesteins. Was er bei seinem Erscheinen rät, ist allenfalls, sich baldmöglichst zur Nachtruhe zu begeben. Lassen Sie uns aufbrechen.« Wieder schwang er seinen Wanderstab, ohne Caspars Meinung Respekt zu zollen, und wandte sich um.
Caspar reckte den Kopf, sah hinauf und erlangte Gewissheit. Er nahm seinen Mut zusammen. »Ich schlage einen Handel vor.«
Friedrich fuhr herum, dass die Zipfel seines Umhangs flogen.
»Wir trennen uns und erkunden beiderlei Wege. Wer nicht weiter vorankommt, kehrt zurück und schlägt den Weg des anderen ein.«
Gerade noch konnte Caspar wahrnehmen, wie sich Friedrichs Wangen rot verfärbten.
»Nun denn, geht den Pfad, den Euch der Mond …« Er wies verächtlich auf die blasse Sichel. »… angeraten hat.« Er verschwand ohne ein weiteres Wort hinter der Bergkuppe.
Caspar schaute ihm nach und dann auf den Steig, der vor ihm lag. Der Hang führte steil hinab. Zweifel stiegen in ihm auf ob seiner Eigenmächtigkeit. Vielleicht doch nur ein Wildwechsel, lediglich gangbar für Hasen und Kaninchen? Er stellte sich seitlich und setzte nur jeweils eine Fußkante fest auf, stieg so Schritt für Schritt den Hang hinab, um in dem abschüssigen Gelände nicht zu rutschen und gegebenenfalls schneller im Tal anzukommen als gedacht. Mit einem mulmigen Gefühl dachte er an die Möglichkeit, hier auch wieder aufsteigen zu müssen. Nach einigen hundert Metern wurde das Gelände flacher.
Es war mittlerweile finster, nur der Mond warf noch ein diffuses Licht durch den Nebel, der über der Landschaft lag. Vor ihm ragte ein dunkles Objekt aus dem Moos. Er fuhr erschrocken zusammen und näherte sich langsam. Es zeigte nicht die Umrisse, die man von einem Geist erwarten würde. Rechteckig ragte es aus der Erde und rührte sich nicht. Doch! Rauch quoll hervor und kräuselte sich während des Aufsteigens auf. Ein Kamin! Die Behausung eines Trolls?

Das Gelände vor ihm war annähernd flach und brach dann abrupt ab. Zu beiden Seiten senkte sich das Gelände sanft ab.
Erstaunt umrundete er die Erhebung und stand vor einer in den Hang eingelassenen Hütte. Das Licht eines Feuers flackerte durch das einzige Fenster. Er war müde, hungrig und durstig, und seine Füße brannten. Entschlossen ballte er die Hand zur Faust und klopfte an. »Ist jemand da drin? Ein einsamer Wanderer hat sich im Weg geirrt und bittet um Einlass.«
Die Tür wurde recht bald geöffnet, da stand ein Greis, das Gesicht vom Wetter gegerbt, und grinste bei seinem Anblick freundlich. »Mei, scho wieder oana.« Er streckte den Kopf aus der Tür und blickte an Caspar vorbei nach links und nach rechts. »Sans alloan?«
Caspar stieg der Duft eines Gemüseeintopfs in die Nase. »Wir waren des Weges uneinig.« Er zeigte den Hang hinauf in die Richtung, in der Friedrich verschwunden war. »Mein Kamerad ist weitergegangen.«
»Jo mei, dann kimmens rei. Imma dosselbe. Der Weg fihrt im Tal drunta direkt ins Moor.«

»Ein Moor? Er wird am Ende nicht …?«
»Naaaa, so dief is es fei net. Da bleibt er abba stecka. Ma könne ihn morga eisammeln, wonns hell isch.«
Caspar betrat die Hütte und ließ sich dankbar auf die Holzbank neben dem wärmenden Feuer nieder. »Der Weg, den man einschlägt, ist immer der, den Gott für uns vorgesehen hat«, murmelte er.
»Wos is?«
Caspar hob die Stimme. »Ich sagte, ich stehe in Eurer Schuld für die großzügige Gastfreundschaft.«

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