Über die Bedeutung der Perspektive

Während ein Leser in die Geschichte eintaucht, schlüpft er in die Haut des Protagonisten, sprich des Helden, sieht die Welt durch dessen Augen, will sehen, was er sieht, fühlen, was er fühlt, riechen, was er riecht. Er will seine Ängste, seine Hoffnungen miterleben, er will mit ihm verlieren und – vielleicht – am Ende siegen.

Es ist deshalb von großer Bedeutung, wer genau bei einer Geschichte als Protagonist angesehen wird und welchen Standpunkt er räumlich gesehen einnimmt. Verlässt man diese Sichtweise immer wieder unkontrolliert, dann reißt man den Leser aus dem Lesefluss.

Ich nenne mal ein einfaches Beispiel.

Ein Rasenstück vor dem Haus. Ein Hausbesitzer schiebt gerade gelangweilt den Rasenmäher vor sich her.

Protagonist Heinz: “Heinz zog eine gelangweilte Miene und schritt in abgezirkeltem Stechschritt die Grünfläche vor dem Haus ab. Durch das Gedröhne des Rasenmähers schrie seine Frau. Mit voller Absicht ließ er das Gerät laufen und zuckte unschuldig mit den Schultern, drehte sich um und setzte seinen Weg geflissentlich fort.”

Protagonist Helene: “Helene saß vor dem Fernseher. Gleich begann ihre Lieblingsserie, als unvermittelt der Rasenmäher draußen startete und die Stimme ihrer Heldin übertönte. Mühsam erhob sie sich, wackelte zum Fenster und rief ihrem Mann zu: “Heinz, mach doch das Ding aus. Ich kann nicht hören, mit wem Fritz Helena betrogen hat!”

Eine ganz andere Perspektive bei der gleichen Geschichte könnte die eines Marienkäfers ein. Er weiß nichts von Rasenmähern und Heinz und seine Frau sind ihm ziemlich egal.

Protagonist Marie: “Marie wurde durch ein Erdbeben bis ins Mark erschüttert. Ein ungeheurer Sturm fegte mit Getöse über sie hinweg und drohte sie mitzureißen. Krampfhaft klammerte sie sich an einen Stengel. Als wäre das nicht genug, stampfte ein Menschenfuß nur wenige Zentimeter an ihrem zarten Leib vorbei und erschütterte die Welt. Jetzt nicht aufgeben!”

Zugegeben, das ist ein extremes Beispiel, aber dennoch demonstriert es, dass je nach Protagonist in der gleichen Geschichte die wahrgenommenen Eindrücke und der Fokus völlig verschieden liegen können.

Achten Sie deshalb peinlich genau darauf: Was kann der Held sehen, was nicht? Was würde er beachten, was nicht? Welche Worte würde er wählen?

Erzählen Sie bei einer Verfolgungsjagd mit Perspektive auf dem Verfolger nicht, was der Verfolgte tut, nachdem er gerade um die Ecke gebogen ist – und umgekehrt, versteht sich.

Erzählen Sie beim Schildern einer Erinnerung des Protagonisten nicht, dass er gerade auf ein Haus zugeht, und schildern dann, was innerhalb des Hauses passiert, weil der Held das ja gar nicht sehen kann.

Aber was tun, wenn man die Geschehnisse innerhalb des Hauses schildern muss? Da ist Ihre Spitzfindigkeit gefragt. Lassen Sie eine Überwachungskamera laufen, die er sich später ansieht. Machen Sie ihn zum Hellseher, der gerade Visionen hat. Packen Sie die Informationen in einen späteren Dialog, was auch immer. Aber verlassen Sie niemals die Perspektive.

Was tun, wenn man zwei Perspektiven braucht?

Zum Beispiel, weil es zwei Helden gibt? Natürlich ist auch das möglich, aber Sie sollten Übung in der Einhaltung der Perspektiven haben und genau unterscheiden können, wessen perspektive Sie gerade vertreten. Und Sie sollten die Perspektiven niemals innerhalb einer Szene vermischen.

Wie bewerten Sie den Beitrag?

Klicken Sie auf einen Stern zum Bewerten!

0 Bewertungen, im Schnitt 0 Sterne

Bisher keine Bewertungen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.