Leseprobe: Die Puppe wusste es

Unsere Wohnung lag in der Innenstadt. Als wir nach draußen kamen war der Abend angebrochen und überall brannten Lichter. Es nieselte, ein kalter Wind wehte, vereinzelt waren Menschen auf der Straße zu sehen, die eingehüllt in warmer Kleidung hastig liefen.

«Komm Engelchen, wir werden mit der Straßenbahn fahren. Das ist ungewohnt für dich, aber es wird dir gefallen.»

Meine Mutter ging mit mir schnellen Schrittes Richtung Hauptstraße zur nächsten Haltestelle.

In der vollbesetzten Straßenbahn standen die Menschen dicht gedrängt in den Gängen. Wir mussten uns hineinzwängen. Mir war es heiß, ich wurde von allen Seiten gedrückt. Nein, die Straßenbahn behagte mir ganz und gar nicht. Ich beschwerte mich nicht, duckte mich, presste meinen Körper gegen den meiner Mutter und sehnte mir herbei, bald am Ziel zu  sein.

An der ersten Haltestelle meinte ich, dass wir schon angekommen wären. Dem war nicht so. Es stieg niemand aus, im Gegenteil, zusätzliche Fahrgäste stiegen ein. Es war wie eine Folter. Nach mehreren Haltestellen hatte ich Brechreiz und war einer Ohnmacht nah, konnte mich kaum noch beherrschen, bis meine Mutter endlich die erlösenden Worte sprach.

«Wir sind da.»

Wir verließen den Straßenbahnwagen. Als ich erneut frische Luft atmen konnte, war ich entschlossen, nicht nochmal in ein solches Verkehrsmittel einzusteigen.

Es waren nur noch ein paar Schritte bis zu unserem Ziel.

Ein Lichtermeer stürmte auf mich ein. Meine Augen wurden immer größer, ich öffnete den Mund, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und war sicher, im Märchenland gelandet zu sein. Wir schlenderten durch die Menschenmenge. Rechts und links waren kleine Holzhäuschen aufgebaut. Jedes Häuschen präsentierte die fabelhaftesten und buntesten Dinge. Es gab Spielzeuge, die ich nie gesehen hatte und von denen ich niemals geglaubt hätte, dass sie existieren. Auf einmal nahm ich ihn wahr, den Riesenbaum mit den hunderten vielfarbigen Kugeln und an der höchsten Stelle thronte tatsächlich ein Engel, wie ihn meine Mutter beschrieben hatte.

Es war sagenhaft.

So viele Lichter, Farben, Gerüche, die Menschen und die Musik versetzten mich in eine nie dagewesene spontane Begeisterung. Mein Wortschatz war zu klein, ich hatte nicht die Fähigkeit,  meinen Gemütszustand auszudrücken. Unvermittelt war ich in Tränen aufgelöst.

«Mein Engelchen, was ist mit dir los? Du weinst ja, gefällt es dir hier nicht? Ist es dir kalt?»

«Mami, es ist so schön…» flüsterte ich.

Meine Mutter verstand, lachte und streichelte zärtlich meine Wange.

«Du weinst, weil alles so wie in einem Märchen ist, richtig? Ich habe dir nicht zu viel versprochen. Jetzt werden wir uns gebrannte Mandeln und Zuckerwatte holen, danach trinken wir eine heiße Schokolade und dann sehen wir weiter.»

Die Mandeln und die Zuckerwatte schmeckten köstlich. Wir blieben abseits vom Gewühl stehen und genossen die Süßigkeiten. Meine Mutter kaufte uns hinterher zwei Becher gefüllt mit heißer Schokolade und Schlagsahne obendrauf. Um den Becher halten zu können, musste ich ihn mit beiden Händen umfassen. Ich führte ihn gierig an den Mund. Ein bisschen Schokolade und Sahne schwappten über und ergossen sich auf meinen Schneeanzug, dennoch schimpfte meine Mutter nicht über das Missgeschick. Wir tranken zu Ende, brachten die Pfandbecher zurück und bummelten anschließend ziellos hin und her.

Auf einmal ertönte eine aufdringliche Musik, die Kinder waren aufgeregt und hektisch. Sie klatschten mit den Händen und riefen im Chor:

«Der Weihnachtsmann kommt, der Weihnachtsmann kommt…»

Die Menschen drängten auseinander, um die Mitte des Weges frei zu machen. Wir konnten uns einen Platz in der ersten Reihe erkämpfen.

Mit einer Kutsche, gezogen von einem Pferdegespann traf der Weihnachtsmann ein. Mit seiner imponierenden Erscheinung, seinem weißen Bart, seiner Mütze und seinem Kostüm in Rot und Weiß erschien er mir wie ein Wesen von einem anderen Stern. Ich war hellauf begeistert. Er hielt an und in Windeseile rannten die Kinder zu ihm.

Meine Mutter zog mich hinter sich her und lief mit ausholenden Schritten zu der Kutsche. Der Weihnachtsmann hatte einen riesigen Sack bei sich. Er fischte kleine Päckchen heraus und warf sie mit Schwung in die Menge. Die Geschenke wurden sogleich in der Luft aufgefangen. Meine Mutter versuchte anfangs eine Kleinigkeit für mich zu ergattern. Sie ruderte mit den Armen, schwang ihren Kopf hin und her, vergeblich, die Kinder waren geschickter.

Ich beobachtete aufmerksam das Geschehen, bis ich einsah, dass ich es selbst probieren musste. Ich tat es den Kindern nach und schaffte es tatsächlich mit Ausdauer und List ein Päckchen zu erbeuten. Sobald meine Mutter merkte, dass ich ein Geschenk an mich reißen konnte, holte sie mich aus dem Getümmel heraus.

«Bravo, mein Engelchen, zeig mir deinen Fang.»

Wir machten beide die Verpackung auf. Darin eingewickelt war ein winziger goldener Engel. Ich schrie vor Entzückung, küsste ihn und behielt ihn in meiner Hand.

«Prima meine Süße, wir haben alles erreicht, was wir wollten. Bist du glücklich?»

«Ja Mami, glücklich, glücklich.»

Nachdem der Weihnachtsmann alle Geschenke verteilt hatte, wurde den Kindern die Möglichkeit gegeben, sich mit ihm fotografieren zu lassen. Danach fuhr er mit der Kutsche wieder fort. Die Menge zerstreute sich.

Die bittere Realität fing mit einer Frage meiner Mutter an:

«Meine Kleine, weißt du was ein Fluss ist?» Ich schüttelte den Kopf . Nach einer kurzen Überlegung fuhr sie fort.

«Ein Fluss ist wie eine Riesenbadewanne, man kann darin baden und im Wasser spielen. Hier in der Nähe ist ein solcher Fluss, komm mit, ich zeige ihn dir.»

Wir kehrten dem Weihnachtsmarkt den Rücken. Der Zauber von vorhin war verflogen. Ich umfasste kräftig den Engel in meiner Hand und wünschte mir, wir würden nicht zu diesem Fluss gehen.

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