25. September 2021

Der Plan des Alten

Von unserer Autorin Davina stammt die folgende (wie ich finde, geniale) Szene aus der Geschichte um Fliff, das Erdweibchen.

Viel Spaß damit!

Rasmus blinzelte. Wer oder was störte seinen Schlaf? Er gähnte. Mit einem Schmatzen löste sich seine Zunge vom Gaumen. Träge bewegte er seinen Kopf hin und her und sah sich in seiner Höhle um. Bedacht darauf, den Rest seines Körpers keinen Millimeter zu bewegen. Wie angegossen lag dieser zusammengerollt in der Schlafkuhle. Für einen Moment verharrte er. Nichts zu spüren. Er öffnete seine Ohren weit. Nichts zu hören. Wahrscheinlich hatte er nur geträumt. Langsam ließ er seinen Kopf auf die Vorderpfoten sinken, schloss die Augen und seufzte.

Kaum hatte er drei Atemzüge getan, riss er die Augen auf und hob den Kopf. Hatte er sich doch nicht geirrt. »Nemus?« Seine Schnurrhaare vibrierten. »Komm schon zu mir.« Er setzte sich auf.

Die Luft vor ihm flimmerte. Kleine, leuchtende Punkte schwebten vor ihm. Umhüllt von einer grünen Aura, tanzten sie auf und ab. Die Auren wuchsen aufeinander zu, berührten sich und verschmolzen zu einer wabernden Nebelwolke. Ihr grünes Licht beleuchtete die Höhlenwände und warf bizarre Schatten. Der Nebel zog sich zusammen, verdichtete sich und schwebte in Form einer Säule knapp über dem Höhlenboden.

»Nemus, was ist los?«

»Verzeih mir die Störung – ich … es ist … also …«

»Immer mit der Ruhe.« Rasmus ließ die Worte mit sonorer Stimme in die Höhle tropfen und sendete ein leises Vibrieren hinterher. »Komm zu mir und erzähl.« Er ließ sich neben seiner Kuhle nieder und deutete mit der Schwanzspitze vor sich.

Nemus schwebte auf ihn zu und blieb ihm gegenüber stehen. »Wir brauchen deine Hilfe.«

Der Alte blinzelte. »Nun, das dachte ich mir. Hab selten Besuch hier. Also, was ist passiert?«

»Der Geisterwald ist in großer Gefahr!« Nemus Stimme zitterte.

Ein Ruck ging durch den Körper des Alten. Er stellte sich auf die Hinterbeine, richtete sich kerzengerade auf, schloss die Augen und verharrte. Nach einigen Sekunden schüttelte er den Kopf. »Ich spüre nichts. Kein Unwetter, keine fremden Mächte, keine Panik unter den Waldbewohnern – nichts.«

»Das ist es auch nicht. Witzkowski! Es ist Witzkowski. Er will den Geisterwald roden lassen und einen Wellnesstempel bauen.«

Rasmus ließ sich auf sein Hinterteil nieder. »Witzkowski.« Er sprach den Namen aus, als würde er ihm Brechreiz verursachen. »Ich hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl bei dem. Schlechte Schwingungen strahlt der Knabe aus – sehr schlechte Schwingungen.« Er sah zu Nemus. »Wann soll es losgehen?«

»Es ist bereits im Gange und es gab leider die ersten Opfer. Einige Bäume sind gefällt. Wir haben getan, was wir konnten, aber sie lassen sich nicht aufhalten. Fliff hat ihre Menschenfreunde informiert. Die halten heute eine Versammlung ab. Wir haben wenig Hoffnung, dass sie tatsächlich etwas ausrichten können. Witzkowski hat den Obersten der Menschen auf seiner Seite.«

Rasmus horchte auf. »Du meinst den Bürgermeister?«

»Ja, so nennen sie ihn, glaube ich.«

»Hm – lass mich überlegen.« Der Alte schloss die Augen und brummte vor sich hin. »Witzkowski – hm – nein.« Er schüttelte den Kopf, begann erneut und pendelte mit seinem Oberkörper hin und her. »Hm – Witzkowski – Fliff.«  Sein Körper begann zu zucken und er riss die Augen auf.

»Was ist los? Brauchst du Hilfe.«

Nemus fuhr zusammen, als ein schallendes Lachen aus der Kehle des Alten drang und dumpf in der Höhle widerhallte. Rasmus beruhigte sich. »So kann es gehen. Zwei Fliegen mit einer Klappe.«

»Du hast eine Idee?«

»Und ob. Einen Moment.« Er schloss die Augen und saß ganz still. Er öffnete die Augen wieder und sah zu Nemus. »So, sie müsste gleich da sein.«

»Wer müsste …«

Rasmus schüttelte den Kopf und deutete nach oben.
Sie saßen in der Höhle und lauschten. Über ihnen tat sich etwas. Kurze, schabende Geräusche bewegten sich über ihnen hinweg, wurden lauter und entfernten sich. Rasmus sah zum Höhleneingang. Nemus folgte seinem Blick. Dumpfe Schritte, begleitet von einem Schnüffeln und Hecheln, näherten sich. Eine Schnauze schoss wie ein Pfeil aus dem Dunkel, ihm folgte ein Körper.

»Fliff!« Nemus wich zur Seite aus.

Fliff stemmte die Vorderbeine in den Sand und kam dicht vor dem Alten zum Stehen. Sie sah hechelnd zu ihm auf. »Schneller ging nicht.«

Rasmus schmunzelte. »Na, da hast du dich aber wirklich beeilt.« Er fuhr mit der Pfote über Fliffs Unterkiefer und roch an dem roten, klebrigen Saft. »Wenn man bedenkt, mit was du gerade beschäftigt warst – alle Achtung.«

Fliff leckte sich über die Vorderpfoten und wischte sich hastig das Maul und den Hals ab. »Was ist los? Ist was passiert?« Ihr Blick ging zwischen Nemus und Rasmus hin und her. »Ah ja, Ich hab‘s. Es geht um den Geisterwald.«

Rasmus nickte. »Kluges Mädchen. Du weißt ja Bescheid, wie mir Nemus berichtete.«

Fliff nickte.

»Warum bist du nicht sofort zu mir gekommen?«

Fliff sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Ähm – das darf ich doch nicht. Ich meine, einfach so bei dir hereinplatzen.« Fliff setzte sich.

»Und wer sagt das?« Der Alte blickte auf sie herunter.

»Ich – also …« Sie schaute auf ihren Bauch und zupfte Sandkörner aus ihrem Fell.

»Lass nur, ich weiß Bescheid und werde ein ernstes Wörtchen mit deiner Mutter reden.« Er legte eine Pfote auf Fliffs Schulter. »Ich erteile dir hiermit die Erlaubnis, jederzeit zu mir zu kommen.« Er schwieg einen Moment. »Also, jederzeit, wenn du meine Hilfe brauchst und sonst auch.« Rasmus sah zu seiner Schlafkuhle. »Na ja, du kannst dich ja anschleichen und schauen, ob ich wach bin.«

Fliff sprang auf. »Ja?« Sie drehte sich einmal um sich selbst. »Das ist ja toll. Ich wollte schon so oft …«

Rasmus räusperte sich.

Sie schwieg und schmunzelte. »Ich werde dich nicht stören, wenn es nicht wichtig ist.«

»Kommen wir zu meinem Plan. Ich denke, er wird euch gefallen.« Er sah zu Fliff und deutete mit einer Kralle auf sie. »Du spielst eine bedeutende Rolle.«

Fliff schluckte. »Ich?«

Rasmus nickte. »Ja, du. Es wird Zeit, dass du Verantwortung übernimmst.« Er senkte die Stimme. »Ich denke dabei an den ungebetenen Gast.«

Fliff sah auf den Boden. »Es tut mir leid.«

»Nun bekommst du die Gelegenheit, es wieder gutzumachen. Bei der Ausführung deines Auftrages darf dir kein Fehler passieren. Witzkowskis Leben wird davon abhängen.«

Fliff riss die Augen auf. »Kannst du mir nicht eine andere Aufgabe geben? Wie soll ich auf den ollen Glatzkopf aufpassen. Der mag mich nicht und wird mich davonjagen. Er wird …«

»Er wird froh sein, dass du an seiner Seite bist. Glaube mir.«

»Auf keinen Fall. Ich kann diese Aufgabe nicht übernehmen.« Fliff blickte sich hastig in der Höhle um. »Hat nicht gerade Mama gerufen?« Sie sprang auf und bewegte sich Richtung Ausgang. »Entschuldige, aber ich muss …«

Rasmus packte Fliff am Schwanz. »Hier geblieben!«

Ein Ruck ging durch ihren Körper. »Aua!« Sie schnellte herum und rieb sich das Hinterteil.

»Du wirst dich deiner Aufgabe stellen.« Rasmus ließ ihren Schwanz los »Komm her und höre mir zu.«

Fliff trottete zu Rasmus. »Ich kann aber nicht – er ist doch viel größer und stärker.«

»Du glaubst also, dass du nicht fähig bist, auf Witzkowski aufzupassen?«

Fliff sah auf ihre Pfoten und nickte. »Ich kann das nicht. Es tut mir leid.«

»Auch nicht, wenn er ein Frosch ist?«

Ihr Kopf fuhr hoch. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie zu Rasmus auf. »Ein Frosch?«

Rasmus nickte.

Fliff starrte den Alten eine Weile an. »Ein Frosch«, murmelte sie. Sie grinste und begann zu glucksen. »Wenn ich mir das vorstelle.« Sie hüpfte durch die Höhle und brüllte: »Quak«, dann lag sie am Boden und kringelte sich vor Lachen.

Der Alte und Nemus stimmten ein.

»Nun, Fliff, nimmst du deine Aufgabe an? Du wirst auf ihn aufpassen, ihm zeigen, wie das Leben im Geisterwald funktioniert und ihn bei den anderen Bewohnern vorstellen.«

»Jaaaaa – das kann ich.«

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