Deko mit Erdmännchen

Legacy

Zum Bild: Unsere Autorin Davina hat uns ein Foto ihrer Gartendekoration geschickt. Und nun mal wieder eine Leseprobe zu unserer Heldin Fliff (geschrieben von Michael Mende).

Von unserem Autor Michael

»Schön, dich wiederzusehen.«

Mit der Stimme des Alten kamen mehr als nur Worte, viel mehr. Sie schloss die Augen, und Erinnerungen stiegen in ihr auf: Zähne packten sie im Nacken, hoben sie aus einem Haufen wild beißender Ameisen und setzten sie zwischen kräftigen Hinterbeinen ab. Eine Schnauze grub in ihrem Fell nach Insekten, Zähne kämmten ihre Haare. Sie lag zwischen seinen Pfoten und ließ sich von ihm den Sternenhimmel zeigen. Sie jagte erst kichernd, aber rasch panisch durch die Tunnel, das wütende Schnauben ihrer Mutter dicht auf den Fersen. Sie bekam echte Angst; so wütend hatte Fliff Caecilie noch nie erlebt. Sie sauste zwischen seine Beine, versteckte sich unter seinem Bauch und zog den Schwanz dicht an sich heran. Mamas Augen glühten in der Dunkelheit, kamen immer näher. Fliff drückte sich noch enger an seinen Bauch. Sein Schwanz legte sich um sie. Mama blickte auf, ihr Blick wurde weich. Sie schüttelte den Kopf und verließ die Höhle.

»Lange nicht gesehen, Satansbraten!«

Fliff fand keine Worte. Sie drückte sich zwischen die Vorderpfoten des Alten, rollte sich zusammen und deckte ihre Augen mit dem Schwanz zu. »Erzählst du mir eine Geschichte?«

»Ach Fliff. Du bist wunderbar. Ich wollte, ich hätte mir meine Kindheit auch so lange bewahren können. Wenn dir doch nur noch ein wenig länger vergönnt bliebe.«

Fliff ließ sich von der Stimme einhüllen, von seinen Worten wiegen.

»Aber ich fürchte, dein Schicksal hat weniger nette Pläne.«

»Du kriegst das hin. Du hast es immer gerade gebogen. Du kannst sogar Mama beruhigen.« Alle Probleme dieser Welt wurden für Fliff winzig.

Seine Zunge kämmte das Fell zwischen ihren Augen. »Hier geht es nicht um diese jähzornige Hyäne. Die Schöpfung ist erfinderisch, wenn es sich um Ärger dreht.«

Schlimmer als Mamas Wutausbrüche? Fliff schluckte, drehte sich auf den Rücken und krallte sich mit allen Vieren am weichen Bauch fest.

Der Alte ließ sich sinken und Fliff ging in einem Meer aus Wärme und Geborgenheit unter. Er drückte seine Schnauze in ihren Hals, seine Stimme klang direkt an ihrem Ohr. »So. Dir ist nach einer Geschichte.«

Fliffs Ohren zuckten, ihre Nackenhaare stellten sich, der ganze Körper prickelte. »Aber wahr muss sie sein!«

»Mein kleiner Wischmopp, ich erzähle nur wahre Geschichten. Kennst du die Waldgeister?«

»Die grünen Kleckse, die immer nach Waldmeister riechen?«

Der Alte lachte lautlos, sein ganzer Körper zuckte. »Genau, du frecher Flohfänger. Willst du hören oder erleben?«

»Auf unsere Weise, mach es auf unsere Weise!« Fliff ließ sich fallen, entspannte jeden Muskel, atmete tief ein und aus. Nichts existierte mehr auf dieser Welt. Sie fühlte sich leicht, schwebte empor, glitt durch den Fels, hinaus in den Frühlingsmorgen.

»Wohin bringst du mich?« Fliff spürte den Alten neben sich schweben.

»Schau einfach und warte.«

Die Bäume wuchsen dichter, das Sonnenlicht tauchte die Welt in ein sattes Grün. Ausgetretene Pfade wurden seltener und fehlten irgendwann ganz. Die Geräusche der nahen Bundesstraße verloren sich, bis sie durch Zirpen und Zwitschern ersetzt waren.

»Das ist schön hier. Stehen auch Himbeerbüsche in der Nähe?«

»Kind, Kind! Gegen dich ist Buddha magersüchtig. Wo ist dein Sinn fürs Wesentliche? Und jetzt Ruhe. Bist du sicher, dass du siehst, was du siehst?«

Fliff schwieg betreten. Sie befanden sich am Rand einer kleinen Lichtung. Das Licht fiel in Streifen schräg durch die Kronen von Eichen und ließ das Moos auf Baumstümpfen hellgrün aufleuchten. Ihnen gegenüber lag eine Ricke im Gras und säugte ihr Kitz. Fliff ließ ihren Blick schweifen und entdeckte mehr und mehr Details: Eichhörnchen, die sich die Stämme rauf und runter jagten, ein Spinnennetz, das bisher unbemerkt direkt vor ihrer Nase im Licht glitzerte, ein kleiner Erdhaufen, der größer wurde und aus dem sich eine rosa Schnauze schob. Etwas störte. Massiv.

»Ah. Du spürst es auch?« Der Alte rückte näher.

Fliff suchte die Lichtung ab, fand aber nichts, was zu ihrem Gefühl passte. Sie schaute erneut hin, versuchte, das Gesehene jeweils im Zusammenhang zur Umgebung wahrzunehmen. Die Wurzel einer Weide! Sie schob sich aus dem Boden wie die Fangarme eines Kraken und krallte sich um eine junge Birke. Fliff spürte Durst, Wut und Bitterkeit von ihr ausgehen und sich über die ganze Lichtung ausbreiten. Ein Schimmern lenkte sie ab, schwebte grün irisierend über die Lichtung und legte sich um den Schandfleck. Es schenkte der Wurzel Verständnis und sprach zu ihr. Tröstend enthüllte es eine Wasserader in der Tiefe. Die Spannung wich aus der Wurzel, ihre Arme senkten sich auf der Suche nach Wasser ins Erdreich. Die Birke war frei.

»Das war … das …«

»Psst! Schau!«

Fliffs Augen hetzten hin und her. Jetzt, wo ihr Blick geschärft war, entdeckte sie das grüne Schillern überall. Es leitete die Schnauze des Kitzes zur Zitze, ein verkeilter Ast löste sich und trieb weiter im Bach, verwelkte Blätter richteten sich auf. Unermüdlich tanzten die Lichter zwischen den Stämmen, und wo sie gewesen waren, breitete sich Frieden aus.

»Das ist so schön! Warum habe ich diese Lichter noch nie gesehen? Wer sind sie?«

»Mein Liebes, das sind die Waldgeister. Und du hast sie schon immer gesehen, mein Wort drauf. Aber nicht erkannt.«

Fliff konnte ihre Augen nicht vom Schauspiel lösen. »Was erzählst du da, die sind wohl kaum zu übersehen.«

»Wenn du dich da mal nicht irrst. Die Waldgeister treten nicht nur in dieser Form auf. Jeder sieht, was sein Geist verstehen kann.« Er richtete sich auf. »Löse dich, ich möchte dir noch etwas zeigen.«

Er zog Fliff mit sich. Sie schaute über die Schulter, bis sie die Lichtung nicht mehr sehen konnte, und blieb stehen.

»Komm schon, mein Kleines. Sieh einfach genau hin.«

Diesmal fiel es ihr leichter. Das Grüne Treiben war auch hier, um sie herum, soweit ihr Blick im Wald reichte. Sie ließ sich vom Alten weiter ziehen und konnte gar nicht genug sehen, links und rechts, auf dem Boden, zwischen den Wipfeln.

Der Alte blieb so abrupt stehen, dass sie auf seinen Schwanz trat. Sie schaute fragend auf.

Er holte tief Luft. »Zeit, erwachsen zu werden. Nicht alles Leben harmonisiert miteinander. Du hattest ja bereits Kontakt mit den – Menschen?«

Fliff spitzte die Ohren. Ein Grunzen und Quieken wurde lauter. Ihre Sinne schrien Alarm, forderten den Schutz eines Tunnels.

Zwischen zwei Birken brach ein Keiler durch das Unterholz. Er warf sich wild hin und her, wühlte die Erde auf und versuchte, einen Sportpfeil zu packen, der aus seiner Hüfte ragte. Blut lief in Strömen über seinen Hinterlauf. Seine Bewegungen wurden schwächer, die Augen verdrehten sich, bis nur noch das Weiße zu sehen war.

Ein grünes Schillern stieg aus dem Waldboden auf und hüllte den Keiler ein. Seine Atmung wurde ruhig, er entspannte sich. Noch ein paar Mal hob sich sein Brustkorb, dann lag er still, der Blutfluss auf den Waldboden versiegte. Das Glitzern hing noch einen Moment in der Luft, dann wehte es fort.

Fliff suchte beim Alten Schutz.

»Menschen. Meine liebe, arme Fliff. Mit ihnen an Bord bleibt den Geistern meist nur noch Trost zu spenden und Schmerzen zu lindern. Oder noch weniger.«

»Warum tun sie so etwas?«

»Komm mit zurück. Für heute hast du genug erfahren.«

Ohne Widerworte ließ Fliff sich zurück führen. Sie schwebten durch den Wald, aus ihm heraus, zurück in die Tiefe, wo ihre Körper warteten. Fliff lag lange unter dem Alten geborgen. Sie verstand nicht, wie sie sich fühlte. Die Welt außerhalb der Umarmung erschien ihr kalt und bedrohlich. Als er sie freigab, fühlte sie sich verraten. Sie sah ihn von unten herauf an. »Warum?«

»Ich hatte das große Glück, dir eine schöne Kindheit zu schenken, eine schöne, lange Kindheit.« Er kicherte. »Eine lange, lange Kindheit.«

Fliff hatte keine Vorstellung davon, was als Nächstes kommen würde. Sie war sich nur sicher, dass sie es nicht hören wollte, und legte die Ohren an.

»Auch als Erwachsener kann man glücklich werden. Die müssen es sich allerdings erarbeiten. Und es gibt auf dem Weg dorthin mehr Hindernisse als Haare auf Caecilies Zähnen.

»Wow. Das ist viel.« Die Retoure klang schal in ihren Ohren, ohne echte Freude über den Wortwitz. »Redest du jetzt von Mama? Oder von mir? Du meinst die …«

»Menschen.«

»Was hab ich damit zu schaffen? Bella ist voll in Ordnung.«

»Ja. Was hast du damit zu schaffen? Lass es einfach auf dich wirken, meine Tochter. Meine Aufgabe ist getan. Die Verantwortung ist jetzt die deine.«

»Verantwortung? Aufgabe?« Wovon redete er da? Fliffs Kehle schnürte sich zu. Was geschah hier?

Vor ihr glühte die Silhouette des Alten in der Dunkelheit lindgrün, löste sich in eine schimmernde Wolke auf. Er schwebte um Fliff herum. Ihr war, als bisse etwas sanft in ihren Nacken, dann versickerte das Leuchten im Boden und hinterließ Fliff in der Dunkelheit der Höhle.

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