1. Juli 2022

So leise

Von unserer Autorin Dagmar Voigtländer

Es ist so still hier, so furchtbar, grausam leise.
Die Zeit will nicht vergehen, sie steht und lacht mich aus.
Ich mache etwas, räume Dinge hin und her, hör auf die Uhr, hör nichts mehr ticken.
Wann ist das alles stehen geblieben?
Als du gestorben bist, da rannte doch die Zeit.
Ich bin ihr hinterher gerannt und hab versucht dich einzuholen.
Hab’s nicht geschafft, sie sagen sowas kann man nicht.
Ich hab aber gedacht, wenn ich nur stark bin, wenn ich nur warten kann, dann bist du wieder da.
Hab nicht gewusst, dass es dann nur in Träumen ist.

Ich kann schon wieder reden mit Menschen, die ich lieb hab.
Es tut mir gut und ich lass zu,was sie mir geben wollen.
Und trotzdem schrei ich manchmal deinen Namen.
Schrei an gegen die Stille in mir und um mich herum.
Ich bin nicht einsam glaub ich, nur allein.
Alleine sein ist auch nicht immer schlimm,es tut nur so unendlich weh
und es zerreißt mich, dass du jetzt nicht mehr lachst, weinst, über deine Brille schaust.
Kann deine Stimme nicht mehr hören.
Die Stille ist zu laut.

Manchmal hab ich die Hoffnung, dass ich dich einmal wieder hören kann.
Und wenn das möglich ist, vielleicht ist Freude möglich.
Vielleicht geht dann mein Leben weiter, ohne dich.
Da draußen hinterm Fenster tut sich doch etwas, es regnet, hagelt, schneit,
ich bild mir das nicht ein.
Es bleibt nur seltsam grau, es kommt und geht vorbei,
Du hast den Dingen in mir und um mich herum Kontur gegeben,
du warst mein Schwarz und Weiß zum Grau.
Ich muss jetzt lernen, dass ich alleine laufen will.
Vielleicht betrüg ich auch ein wenig und nehm dich heimlich mit.

Wie bewerten Sie den Beitrag?

Klicken Sie auf einen Stern zum Bewerten!

2 Bewertungen, im Schnitt 5 Sterne

Bisher keine Bewertungen!

2 Gedanken zu “So leise

  1. Hallo Dagmar,
    danke sehr für deine Zeilen zum Verlust eines geliebten Wesens.
    Sie haben mein eigenes Empfinden von Einsamkeit und wie es dazu kam wieder erweckt.
    Das ging mir gerade durch den Kopf.
    “Verlassen worden, nicht dazugehören, Alleine sein. Allein sein unter Menschen.
    Zweisamkeit um jeden Preis, wieder in der Seele alleine.
    Wunsch das Vergangene , vergessen, Geborgen suchen, die Mauer um meine Seele ist zu stark, mein Wille recht nicht.
    Entschuldige Familie, ich habe versagt.

    1. Lieber Wolfgang,
      ich danke dir sehr für deine Antwort! Es bewegt mich wirklich, dass das, was ich mir von der Seele schreibe, bei anderen Menschen ankommt und anregt. Deine Gedanken dazu sind schon ein halbes Gedicht an sich! Nur einen Gedanken, so gut ich den auch selbst kenne, würde ich heute nicht mehr unterschreiben wollen, das Thema zu glauben oder zu fühlen, dass man versagt hat. Es hat lange gedauert anzunehmen, dass man manche Dinge nicht aufhalten oder ändern kann. Man muss sich auch nicht fügen, man darf das beklagen und auch sauer sein auf das Schicksal. Ich weiß aber heute, dass auch mir Grenzen gesetzt sind. Es ist weder Schuld noch Schande, wenn man das anerkennt. Ich würde mich wahnsinnig freuen, mehr von dir zu lesen. Das Thema Zweisamkeit um jeden Preis finde extrem spannend! Hast du dazu schon etwas geschrieben? Liebe Grüße und einen schönen Sonntag , Dagmar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.