7. Dezember 2021

Carmen – meine große Liebe

Von unserer Autorin Silvita

Ich stehe unter der Dusche, die Augen geschlossen, spüre wie das lauwarme Wasser auf mich herabprasselt, über meinen Körper strömt, zusammen mit den Tränen, die mir unaufhörlich aus den Augen fließen. Meine Schultern beben, ich zittere, schlinge die Arme um meinen Oberkörper und stöhne laut auf.

Wie zur Hölle soll ich ohne ihn leben?

Wieder und wieder stelle ich mir diese Frage.

Flavio. Die Liebe meines Lebens. Groß, imposant, stattlich mit einem frechen Grinsen, Grübchen in den Wangen, zerzaustem dunkelblondem Haar, azurblauen Augen. Mit geschlossenen Augen fühlt es sich so an, als würde er neben mir in der Dusche stehen, als würde ich mich an seinen Körper lehnen, seine starken Arme auf meiner Haut spüren. So gerne würde ich meinen Kopf an seine Brust sinken lassen, mich sicher und geborgen fühlen.

„Nein!“, schreie ich innerlich. Ein lauter, gellender Schrei, der meine Lippen nicht verlässt.

Ich lasse mich auf den Boden der Duschwanne sinken, weine hemmungslos. Der Verlust ist zu groß, er erschüttert mich in meinen Grundfesten, ich weiß nicht, wie ich mit der Flut an Emotionen zurechtkommen soll.

Seine Stimme flüsterte leise in mein Ohr. Sanfte Worte. Liebevolle Worte. Er sagt mir, dass ich zu den wichtigsten Menschen in seinem Leben gehöre, wie nahe wir uns stehen, wie sehr er meine Gesellschaft genießt.

Ich kann seine Lippen auf meinen spüren, seinen Atem in meinem Nacken, seine Hände, die zärtlich die meinen umschließen. Er spielt mit meinen Fingern, sieht mir verträumt in die Augen, umarmt mich hingebungsvoll. Ich sauge den Geruch seines herben Aftershaves ein. Will ihn nie mehr loslassen, ihn niemals verlieren.

Doch ich habe ihn längst verloren.

Er ist nicht mehr Teil meines Lebens.

Keine Chance mehr, mit ihm zu reden, ihm meine Seele zu öffnen, ihm meine Geheimnisse anzuvertrauen.

Flavio. Der Einzige, der all meine Seiten kennt, bei dem ich vollkommen offen sein kann, dem ich vertraue, an den ich glaube. Flavio – mein Seelenverwandter.

Ich schluchze so heftig, dass mein ganzer Körper durchgeschüttelt wird. Dann öffne ich meine Augen, starre die flackernden Neonröhren an der Decke an, die die gleiche Kälte verbreiten, die ich tief in mir fühle. Ich kauere mit angezogenen Beinen in der Duschwanne. Von den vielen Tränen, die ich in den letzten Stunden vergossen habe, brennen meine Augen, als hätte jemand eine ätzende Flüssigkeit hineingeträufelt. Hinter meinen Schläfen beginnen leichte Kopfschmerzen zu pochen, die von zu Minute zu Minute unerträglicher werden.

Ich seufze, zwinge mich, die Bilder von Flavio aus meinen Gedanken zu schieben.

So lange habe ich meine Gefühle beherrscht, doch jetzt schaffe ich es nicht mehr. Ich beuge mich nach vorne, lege meine Stirn auf meine Knie und schüttle meinen Kopf. Einen kurzen Moment lang bleibe ich so sitzen, dann hebe ich meinen Blick, raffe mich auf und steige mit zusammengebissenen Zähnen aus der Wanne.

Es tut gut, den Tränen freien Lauf zu lassen, doch jetzt ist es genug. An manchen Tagen macht mich die grenzenlose Einsamkeit beinahe wahnsinnig, doch durch das Weinen hat sich der Druck in meiner Brust ein wenig gelöst. Wie gerne würde ich meinen Kummer mit jemandem teilen und erzählen, was in mir vorgeht.

Seufzend trockne ich mich ab, straffe die Schultern und gehe hinüber ins Wohnzimmer. Ich lasse mich auf den alten Ledersessel sinken, nehme das Foto von Flavio, das auf dem Tisch liegt und drücke ihm einen imaginären Kuss auf den Mund.

Wie soll ich die Trauer überwinden?

Wie soll ich den Gedanken ertragen, dass er nie mehr an meiner Seite sein wird? Er hinterlässt ein so großes Loch, dass niemand jemals es auszufüllen vermag. Mein Seelenpartner. Niemand wird mich so verstehen, wie du es getan hast. Niemand kennt mich so gut, wie du. All meine Facetten, meine Ängste, meine Zweifel, meine dunkle Seite.

Leise vor mich hinwimmernd lege ich das Foto auf meine Brust und presse meine Augenlider zusammen.

Das Schlimmste ist, dass du nicht tot bist. Dann hätte ich eine Chance, das alles zu verarbeiten, Abschied von dir zu nehmen, loszulassen.

Aber nein… Dich hat keine schwere Krankheit dahingerafft, du bist nicht bei einem Autounfall ums Leben gekommen… Nein… es ist bedeutend tragischer.

Du hast mich verraten.

Mich getäuscht.

Mir etwas vorgemacht.

Hast mich fallen gelassen, dich von mir abgewandt.

Um SIE zu heiraten.

Meine Trauer wandelt sich in Hass um.

Ich presse meine Kiefer aufeinander.

Was soll ich tun?

Es hinnehmen, wie es ist?

Um dich kämpfen?

Zuerst dich und dann sie foltern und schließlich töten?

Ich habe keine Ahnung.

Was würdet ihr mir raten?

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