4. Das heulende Elend

Regina stand im Wohnzimmer und beobachtete die Regentropfen, die an der Scheibe herabliefen. Draußen auf dem Dorfteich zogen wie immer die Schwäne ihre Kreise. Einer richtete sich auf, reckte den Hals und schüttelte die Flügel, dann schloss er zu seinem Partner – oder seiner Partnerin? – auf und knabberte an ihrem Hals. Sie hatte gehört, dass Schwäne ein Leben lang zusammenblieben. Ob sie ihren Partner nach dem Herzen wählten? Ob sie ihre Liebe ab und an auch hinterfragten?
Legte Basti wirklich gesteigerten Wert darauf, bei ihr zu bleiben? Ob sie irgendwann heiraten würden? Kinder haben? Würde er endlich mal einen Job suchen, der sie ernährte? Ihr Blick glitt durch den Raum und blieb an dem gerahmten Foto hängen, das den Besuch auf einer Kirmes zeigte. Regina hatte Zuckerwatte in der Hand, sie lachte und sah Basti von der Seite verliebt an. Basti hielt stolz einen Bären aus der Schießbude in die Kamera, hatte nur Augen für seine Trophäe.

Aber sie hatte jetzt ganz andere Sorgen. Wie würde sie die nächste Miete bezahlen? Papa, wenn du jetzt da wärst. Du könntest mir von deiner Magie erzählen, davon, dass alles seinen Sinn hat. Dass, wenn sich eine Tür schließt, irgendwo ein Fenster geöffnet wird. Wo war denn dieses Fenster?
Ob wirklich der Teufel in ihr wohnte? Nur weil ihr der Zufall manchmal Streiche spielte und sich Dinge wunschgemäß verhielten? Das war doch sicher Zufall, ein Windhauch, eine unbewusste Bewegung, Einbildung. Man konnte sich nicht immer auf seine Wahrnehmung verlassen. Was sollte es sonst für eine Bewandtnis damit haben? Wieder fiel ihr die viel gerühmte Magie ihres Vaters ein – nein, so etwas gab es nicht, und wenn sie es sich noch so sehr wünschte.

Sie setzte sich auf die Couch, wickelte sich in eine Decke, ein Bein untergeschlagen, das steife Bein ausgestreckt. Neben ihr lagen eine geöffnete Familienpackung Karamelleis und ein Häufchen zusammengeknüllter Taschentücher. Sie schniefte, nahm den Löffel und rammte ihn mit Wucht in die gefrorene Masse. Statt den Löffel herauszuziehen, ließ sie ihn stecken, zog ein Taschentuch heraus und putzte sich erneut die Nase.
Die Pumpe des Aquariums riss sie aus ihren Gedanken, blubberte und brummte, fauchte in regelmäßigen Abständen wie ein winziger Drache. Basti war verrückt nach seinen blöden Fröschen, aber um die Technik kümmerte er sich nicht. Genauso wenig, wie ihn alles andere kümmerte. Eines der Viecher streckte den Kopf aus dem Wasser und glotzte sie an. »Glotz doch nicht so blöd!«
Der Frosch machte eine Vierteldrehung, wandte ihr seine Seite zu und richtete wieder sein Auge auf sie. Er wirkte völlig unbeeindruckt. Sie hatte gerade nach einem Kissen gegriffen und holte in Richtung Aquarium aus, als sie das Geklimper eines Schlüssels an der Haustür hörte. Schuldbewusst nahm sie das Kissen zurück und presste es gegen den Bauch.
»Wie siehst du denn aus? Aua!« Basti hielt sich die Hand gegen die Stirn. Boah!«
Regina zog die Nase hoch. »An der Tür wirst du dir noch das Hirn einrennen. Und danke für’s Kompliment! Hört man ja immer wieder gern.«
Er hielt sich die Hand an die Stirn. »Oh Mann, dieses bescheuerte Haus!« Sein Blick wanderte über das Sofa und den Tisch, dann zu dem Eis. Er zog eine Augenbraue hoch. »Mir schwant Übles.«
»Magst du Karamelleis?« Sie hielt ihm die Schachtel entgegen und verzog das Gesicht.
Er grinste. »Das mag ich genauso wenig wie du. Warum haben wir das gekauft?«
Fast musste sie schon wieder lachen.
»Was ist denn passiert?«
»Was schon? Schwester Agnes hat mich rausgeschmissen.« Wieder zog Regina ein Taschentuch aus der Packung und schnäuzte sich.
Bastis Blick galt seinen Fröschen. »Konntest du mal wieder nicht die Klappe halten?«
Regina kniff die Augen zusammen und warf ihm das Kissen an den Kopf.
Er hatte wohl damit gerechnet, drehte sich um und fing es auf. »Ist doch wahr! Ist mal wieder der Südländer mit dir durchgegangen?« Er setzte sich auf die Couchlehne, legte das Kissen an seinen Platz und zog Regina an sich. »Du bist ja auch nicht immer pflegeleicht. Gib es zu, zwischen euch hat es vom ersten Tag an gebrodelt.«
»Die ist ja auch eine blöde Kuh, Nonne hin oder her«, nuschelte sie in Bastis Pullover.
Sie schob ihn von sich, fischte nach einem weiteren Tuch, aber die Packung war leer. Ihr Blick fiel auf die Eispackung. Wütend zog sie den Löffel heraus und kratzte in der klebrigen Masse. Langsam flog ein Grinsen über ihr Gesicht. »Agnes meinte, ich sei mit dem Teufel im Bunde, weil die Zipfel ihrer Kutte nach oben geflattert sind.«
»Mit dem Teufel?« Basti kicherte. »Hi hi. Wenn du rote Haare hättest, könnte man manchmal schon …«

Sie warf die Eispackung auf den Tisch und schubste ihn. »Oh du Miststück!«
Basti lachte laut auf und fiel fast von der Lehne. Er ruderte mit den Armen. »Pass auf, wenn sich eine Tür schließt, geht irgendwo ein Fenster auf.«
Hatte er das jetzt tatsächlich gesagt? Er war echt süß. Sie rückte wieder näher. »Wo sind wir heute Morgen unterbrochen worden?«
Er betrachtete sie nachdenklich, dann leuchteten seine Augen auf. Er warf sich auf sie und pinnte ihre Arme mit den Knien ins Kissen. Lachend und kreischend wehrte sich Regina halbherzig, als er ihr das Shirt hochschob.

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