2. Nishka Berger

Nishka fiel. Tiefer und tiefer. Ihr Magen hob sich, aber da war nichts mehr, was sie erbrechen konnte. Eine Stewardess flog an ihr vorbei. Ihr war kalt. Unsagbar kalt. Das Schreien und Weinen um sie herum wurde immer leiser, bis sie es ausblendete. Sie spürte überhaupt nichts mehr.

»Hallo?« Eine Hand rüttelte sie am Arm. »Hallo?«

Nishka schrak auf, ihr Herz raste schmerzhaft. »Wo…?«

»Alles in Ordnung?«

Es dämmerte ihr, dass es wieder einmal dieser Alptraum gewesen war. Sie blies die Backen auf, bis sie langsam zu Atem kam. Dankbar warf sie ihrer Nachbarin einen Blick zu. „Tschuldigung, hatte einen langen Tag im OP. « Die Nachbarin kommentierte dies mit einem Nicken und wandte sich wieder ihrem Kind zu.

Die Maschine stieg immer noch, ihre Ohren fielen zu. Sie schloss die Augen und schluckte ein paar Mal.

Der Lautsprecher knackte. »Ladies and gentlemen, this is your captain. Unfortunately we got a slight problem that prevents us from safely continuing to our destination. We will therefore return to Adelaide, but there is no reason to be alarmed and this is purely a precautionary measure.«

Und nach einer kleinen Pause: »Attention crew on station.«

Erschrocken öffnete sie die Augen. Die Anzeige vor ihr flammte auf, begleitet von einem nervtötenden ’Ping’. »Please fasten seatbelts.«

»Oh nein!« Hastig klappte sie ihre Handtasche auf, angelte ihr Handy heraus und flippte den Flugmodus aus.

Noch bevor sie einen Buchstaben eingetippt hatte, spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter.

»Ma’am, bitte lassen Sie ihr Handy aus, bis der Captain die Warnsignale ausgeschaltet hat.« Eine roter Fingernagel deutete nach unten. »Und legen Sie bitte den Gurt an.«

Nishka schaute auf. Der Fingernagel gehörte zu einer jungen Stewardess, die sie mit einem eisigen Blick strafte. ’Eliza Baily’ prangte in goldenen Buchstaben auf dem Schild an ihrer Brust. Eliza trug einen strengen Dutt, auf der Nase saß eine altmodische Brille mit viel zu dickem Rahmen.

Diese Frau war der Prototyp des Scheiterns in den Vorzimmern dieser Welt. Nishkas Kühnheit wurde im Keim erstickt. Das durfte doch nicht wahr sein! Eingeschüchtert schloss sie den Gurt.

Sie nahm allen Mut zusammen. »Bitte, ich heirate heute, darf ich nicht …«

Unter der Hornbrille kristallisierte Eis und gefror jedes weitere Wort.

»Sehen Sie doch!« Nishka wischte Instagram in den Vordergrund. Beim Anblick ihres weißen Kleides kamen ihr die Tränen.

Eliza wandte ihren Blick dem Handy zu wie ein Kampfpanzer seinen Geschützturm.

»Nishka Berger!« Die Mündung blitzte auf, aber sie badete Nishka in Rosen. Ihr Herz hüpfte. Eliza war eine Followerin! Wer hätte damit gerechnet? Sie musterte Eliza genauer: Sie hatte ihre Haare in ihrem Blond gefärbt und trug ihren Haarschnitt, sogar ihre Ohrringe waren die gleichen. Fehlten nur noch blaue Kontaktlinsen. Sie war nachlässig gewesen, das hätte sie auf den ersten Blick erkennen können.

»Ich will Brian nur kurz Bescheid geben. Bitte, machen Sie eine Ausnahme! Das ist schnell erledigt.«

»Brian? Ah. Ich erinnere mich. Damit er nicht ohne dich vorm Altar steht? Verständliclh. Der ist so süß.«

Eliza war zum Du übergegangen. Nishka vergaß ihre Tränen.

»Bitte, nur eine einzige Nachricht. Möchtest du mit mir …« Nishka öffnete den Gurt, stellte sich neben Eliza und flippte in den Selfie-Modus.

Gewonnen! Eliza lächelte selig, setzte die Brille ab und hübschte mit zwei Griffen ihre Frisur auf. Nishka knipste ein paar Bilder, ließ Eliza das Vorteilhafteste heraussuchen und lud es hoch.

Sie überlegte kurz, was bei ihren Fans gerade angesagt war, und fing an zu tippen. ›Ich, mit meiner besten Freundin Eliza.‹

Selbstzufrieden registrierte sie, wie die Likes Richtung Tausend kletterten. Glücklich sah sie auf. »Und Brian?« Ohne auf Elizas Reaktion zu warten, tippte sie eine Nachricht. ›Brian, es könnte ein wenig dauern, wir stürzen gerade ab. Heirate auf keinen Fall ohne mich.‹ Sie blickte in Elizas Stirnrunzeln. Im Nu war das Handy ausgeschaltet und in der Tasche verstaut. Sie nahm wieder Platz und winkte Eliza zu.

Eliza legte die Hand auf ihren Bauch, lächelte glücklich und schwebte auf Wolke sieben weiter.

Kaum war Eliza außer Sicht, zog Nishka das Handy hervor, um nach einer Antwort von Brian zu sehen. Noch bevor sie einen Blick darauf werfen konnte, sackte das Flugzeug heftig ab, das Handy flog in hohem Bogen aus ihrer Hand und landete auf dem Schoß ihrer Nachbarin.

Nishka erntete einen vorwurfsvollen Blick. »T’schuldigung!«

Mit spitzen Fingern rettete sie ihr Handy und warf einen Blick auf das Display. Ah, Brian hatte die Nachricht gelesen. Gut. Eilig aktivierte sie den Flight Mode. Sie wollte ja nicht riskieren, dass das Flugzeug ihretwegen abstürzte.

Um auf andere Gedanken zu kommen, sah sie an ihrer Nachbarin vorbei durch das Fenster.

Leicht beunruhigt bemerkte sie eine schwarze Rauchfahne, die hinter der Turbine wie ein Bleistiftstrich die Flugroute markierte. Nishka tastete mit einem Seufzer nach der Schnalle des Gurts. Sie rastete mit einem leisen Klick ein. Die Fahne unter der Tragfläche riss ab, Nishka entspannte sich. Offenbar nur eine vorübergehende Störung. Weit unter sich spiegelte sich die Sonne in den Scheiben eines Pick-ups, der sich seinen Weg durch das Outback suchte und eine riesige Staubfahne hinter sich herzog.

Wie bewerten Sie den Beitrag?

Klicken Sie auf einen Stern zum Bewerten!

2 Bewertungen, im Schnitt 5 Sterne

Bisher keine Bewertungen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.