1. Matari

Über den steinigen, dünn bewaldeten Hügeln flirrte die Luft und ließ den fernen Horizont in Trugbildern zerfließen. Eine Gruppe Wallabys hüpfte auf der Suche nach Nahrung von Grün zu Grün und hinterließ dabei kleine Wolken über dem Sand.

Das größte der Kängurus richtete sich auf – ein fremdes Geräusch! Seine Ohren zuckten, starr blickte es zwischen die Felsen. Ansatzlos warfen sich die Tiere herum und flohen mit gewaltigen Sprüngen. Das Dröhnen eines Motors näherte sich. Kakadus flogen auf, krächzend und kreischend, das Rosa und Grau ihres Gefieders schimmerte in der gleißenden Mittagssonne.

Ein Pick-up suchte sich seinen Weg über den steinigen Boden, verlangsamte, stand still. Die Fahrertür wurde geöffnet. Ein hochgewachsener, schlanker Mann stieg aus, zog die Halbschuhe aus, löste seine Krawatte, legte Jackett und Hose ab, warf alles auf den Sitz und schlug die Tür zu.

Langsam wandte er sich um. Das Licht spiegelte sich in seiner tiefschwarzen Haut, der Wind zauste sein langes, krauses Haar. Ohne hinzusehen, griff er auf die Ladefläche, zog eine Dose hervor, öffnete sie und tauchte zwei Finger hinein. In einer routinierten Bewegung strich er sich weiße Farbe auf den Körper. Er begann am Bauch, zog einen weiten Bogen über die Schulter bis zum rechten Oberarm, das gleiche auf der linken Seite. Einen weiteren Strich setzte er von der Wange über den Nasenrücken zur anderen Seite. Dann band er einen Lendenschurz um, nahm einen Beutel und einen Speer.

Sein Blick wanderte suchend über die Landschaft, eine Stirnfalte zeugte von höchster Aufmerksamkeit.

›Matari! Matari!‹

Der Ruf rührte seine Seele. Er wandte sich um, überquerte einen schmalen Bach und erklomm mit federnden Schritten die Nordseite eines Hügels. Auf halber Höhe blieb er vor einer Felsspalte stehen, die mit einer ledernen Plane verhangen war.

»Tritt ein, Matari.«

Er zog den Vorhang beiseite. In einer fließenden Bewegung trat er ins Innere und wartete, bis seine Augen sich an das Dunkel anpassten. Die Höhle maß etwa zwanzig Schritte. In ihrer Mitte glomm eine Feuerstelle. Langsam schälte sich ein Schatten aus der Finsternis. Matari hielt die Luft an.

Der Schatten floss zum Feuer, verdichtete sich, pulsierte. Langsam formte sich die Gestalt einer riesigen Schlange, die sich vor ihm aufrichtete und ihm in die Augen starrte. Im Schein der Flammen glänzten grüne und orangefarbene Schuppen.

Matari verneigte sich. »Pundjel! Ich danke dir für die große Ehre.«

Matari wartete schweigend auf Anweisungen.

»Setz dich.« Bis auf ein leichtes Schwanken rührte sich der Kopf der Schlange nicht.

Matari legte Speer und Beutel ab und ließ sich mit gekreuzten Beinen am Feuer nieder. Sorgsam achtete er darauf, den großen Geist nicht anzublicken, er hielt den Blick starr in den Flammen.

Die Stille wurde unerträglich. »Großer Pundjel! Wie kann ich zu Diensten sein?«

»Nenn mich Amtranik.« Voller Furcht spürte Matari die Ungeduld in der Stimme. »Ich habe einen Auftrag für dich.« Die Schlange wandte sich dem Feuer zu. »Sieh in die Flammen.«

Amtranik stimmte einen zischenden Gesang an. Im Feuer entstanden Bilder. Sie flirrten, zeigten Menschen, Orte im Freien und in Gebäuden in rasendem Wechsel. Immer häufiger blitzten Szenen vom Inneren eines Flugzeugs auf, bis eine Frau mit verzerrtem Gesicht und vor Angst aufgerissenen Augen zu sehen war.

Matari hob den Kopf. »Ich verstehe nicht.«

»Schau ins Feuer! Präge dir dieses Gesicht ein. Du wirst diese Frau retten und zu mir bringen.«

Gehorsam nickte Matari und erhob sich.

Der Schatten zerfloss, nahm erneut eine beständige Form an. Am Feuer saß eine uralte Frau und sah zu ihm auf. Ihre Haltung bewies Würde, ihre Augen bargen die Weisheit und Erfahrung von Hunderttausenden von Jahren.

Matari zögerte lange, warf der Frau scheue Blicke zu. »Amtranik, Ehrwürdige! Darf ich mir erlauben zu fragen, welches Interesse du an dieser Frau hast? Sie ist keine Nyungar, sie birgt keine Musik in sich.«

Amtranik ließ sich Zeit mit der Antwort. »Was erlaubst du dir?«

Augenblicklich warf sich Matari zu Boden und presste das Gesicht auf den nackten Fels. »Verzeih meinen Ungehorsam.« Seine Hände zitterten unkontrolliert, er wagte nicht, sich aufzurichten.

»Du findest die Frau in der großen Ebene in Richtung Green Springs. Nimm dich in Acht vor dem Großen Känguru.«

Das Zittern wurde zu einem Flattern. »Großer Geist! Was kann ich Unwürdiger der Macht Eurer Schwester entgegensetzen?«

»Schweig! Sprich nicht von meinerSchwester! Sie ist eine Plage, die alles zerstört, was ihren Weg kreuzt. Unser aller Existenz hängt von der Rettung dieser Frau ab.«

»Aber Herr, Ihr seid so viel mächtiger als ich, warum …«

Er zerfloss in Dunkelheit und verschwand im Boden.

Matari wagte erst nach Minuten der Stille, sich zu erheben.

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