7. Dezember 2021

Und Show und Tell zum vierten – Bingo

Das hier war die erste Fassung von Kirsten, einer unserer Forenteilnehmerinnen. Ich lasse es mal so unkommentiert stehen, jeder Leser kann sich seine eigene Meinung bilden:

Simon liebte diese Stille am Meer, nachdem die meisten Urlauber abgereist waren. Nur das Rauschen der Wellen und der Wind in den Bäumen waren zu hören. Es war ein sonniger, aber kalter Herbsttag.

Auch seine letzten Gäste, für diese Saison, waren am Vormittag abgereist. Nachdem er seinen Angestellten die letzten Anweisungen für heute gegeben hatte, zog er Jacke, Mütze und Schal an. Simon machte sich zu einem Strandspaziergang auf. Er atmete tief die frische Meeresluft, ging in Gedanken die vergangenen Monate durch, überlegte was verbessert werden kann. Seine Gedanken schweiften 10 Jahre zurück, als er das Hotel übernommen hat. An die vielen Schwierigkeiten am Anfang, aber er hatte es allen gezeigt. Seine Zimmer sind fast alle immer ausgebucht.

Simon hörte die Kirchturmuhr 4 x schlagen. Schon so spät! Er musste den Rückweg antreten, hatte gar nicht bemerkt , wie schnell die Zeit vergangen war. Für den Abend hatte er für sein Personal ein Büffet bestellt. Auch das ist Tradition. Danach gehen alle in Ihren wohlverdienten Urlaub. Auch Simon macht eine Woche Urlaub, bevor die Handwerker kommen und die nötigen Renovierungsarbeiten machen. Zurück im Hotel sieht Simon nach dem Büffet. Alles ist zu seiner Zufriedenheit. Er geht noch oben in seine privaten Zimmer, um zu Duschen und sich umzuziehen. Pünktlich 18 Uhr treffen alle im Speisesaal ein. Simon begrüßt sie freundlich und nach dem Essen bedankt er sich bei allen und wünscht ihnen einen schönen Urlaub.

Und das ist mittlerweile daraus geworden.

Simon liebte das Meer. Er war hier zu Hause und ein Strandspaziergang gehörte zum fast täglichen Ritual. Nach dem Trubel der vergangenen Monate brauchte er die Ruhe. Außer ihm genossen nur noch wenige Hartgesottene die frische Meeresluft. Trotz des kühlen Wetters setzte er sich auf seine Lieblingsbank, von der aus man eine fantastische Sicht über die ganze Bucht hatte. Heute allerdings lag ein dichter Nebelschleier über ihr. Nur das Rauschen der Wellen und der Wind in den Bäumen waren zu Hören. Sein Blick glitt über den Strand.

Ein älteres Ehepaar ging Hand in Hand an ihm vorbei. Ob ich so was in zwanzig Jahren auch erlebe? Lächelnd sah er den beiden lange nach, wurde immer nachdenklicher, traurig. Ja, er vermisste dieses Gefühl der Nähe, Vertrautheit, gemeinsam lachen, jemanden spüren, sich lieben. Nichts wünschte er sich in diesem Moment mehr. Er schloss die Augen, und ließ die letzten Wochen vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Niemals hätte er für möglich gehalten, dass ihm so was noch mal passieren würde. Damit hatte er längst abgeschlossen.

Wie lange Simon schon so dasaß wusste er nicht, hatte jegliches Zeitgefühl verloren, als ihn ein Geräusch aus seinen Träumereien holte. Auf der Suche nach Futter kam ein Eichhörnchen ganz nah an ihn heran. Simon beobachtete das possierliche Tier und wagte nicht, sich zu bewegen. Es fand Kiefernzapfen, aus denen es geschickt die Samen holte. Ohne Angst kam es immer näher. Unter der Bank fand es noch mehr zum Fressen. Simon wagte kaum zu atmen. Schließlich kletterte es auf eine Kiefer. Simons Blick ging in die Ferne. Jetzt wusste er, was er wieder lernen musste. Vertrauen. Dieses kleine Tierchen hatte ihm gezeigt, dass es so was gibt. Dann sah er noch mal zu dem Baum, auf dem das Eichhörnchen verschwunden war, nickte und stapfte mit einem Lächeln davon.

Simon schaltete den PC aus und wollte in den Speiseraum, als er ein Auto hörte, das vor dem Hotel hielt. Neugierig drehte er sich um und schaute durch das Fenster. Er traute seinen Augen nicht. Aus einem Taxi stiegen Herr und Frau Müller. Simon kratzte sich am Kopf, ging nach draußen um sich zu erkundigen, was passiert war. „Haben Sie etwas vergessen?“

Frau Müller war ganz aufgelöst. „Nein, schlimmer, stellen Sie sich vor, der ganze Zugverkehr ist eingestellt. Nicht weit von hier gab es  einen Unfall. Vor übermorgen soll kein normaler Verkehr möglich sein. Genaueres wissen wir auch nicht. Alle Zimmer waren ausgebucht und da dachten wir, dass wir noch ein paar Tage bei Ihnen bleiben können.“

Simon kam ins Stottern: „Im Prinzip schon, aber die Zimmer sind nicht hergerichtet, in der Küche kann kein Essen zubereitet werden, da wir alles für die Winterruhe vorbereiten. Es wird laut werden, wir räumen einige Zimmer aus. Nächste Woche kommen die Handwerker.“ Simon stand die Verzweiflung förmlich ins Gesicht geschrieben.

Nun brach Frau Müller in Tränen aus. „Wo sollen wir denn sonst hin? Gibt es wirklich keine Möglichkeit, zumindest heute bei Ihnen zu übernachten?

Simon brachte es nicht übers Herz, die beiden wieder wegzuschicken. „Kommen Sie doch erst einmal herein. Es wird sich eine Lösung finden. Mit ein paar Einschränkungen müssen Sie jedoch rechnen.“

Er hörte Frau Müller erleichtert aufatmen, dann lächelte sie wieder. „Ich wusste, dass Sie uns nicht auf der Straße stehen lassen. Sie sind ein Schatz.“

Simon war so auf die Müllers fixiert, dass ihm nicht auffiel, dass noch jemand im Taxi saß. Erst als er nach den Koffern greifen wollte, bemerkte er die Frau. Sie war ausgestiegen und beobachtete still die Szene. „Hallo, ich komme gleich zu Ihnen.“

Hoffnungsvoll sah er die Müllers an. „Sie haben sich doch nur ein Taxi geteilt und die Frau fährt gleich weiter?“

„Der Dame erging es genauso wie uns. Wir konnten Sie nicht zurücklassen. Das verstehen Sie doch?“ ,fragte Herr Müller unsicher.

„Eine kleine Vorwarnung wäre nicht verkehrt gewesen.“

Simon zwinkerte ihnen zu. Nahm das Gepäck und wollte beide hineinbegleiten. Auf halbem Weg blieb er ruckartig stehen. Diese Frau mit den kurzen braunen Haaren und der dunkelgrünen Jacke, erinnerte ihn an jemand. Sekundenlang starrte er vor sich hin, stellte die Koffer ab, drehte sich um, und ging ein Stück zurück. Verwirrt blickte er sie an.

„Hallo Simon.“ Ihre Stimme war leise. Die Hände ineinander verschlungen, die Augen unsicher auf ihn gerichtet.

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